Erschienen in: P&A November 2011, S. 10
Auftakt  |  

„Dass wir uns auf einen Standard geeinigt haben, ist eine kleine Revolution“

Daniel Huber, Leiter der ABB-Division Prozessautomation in der Region Zentraleuropa, über das FDI-Funktionsmodell auf der Namur-Hauptsitzung und Anwender-Erwartungen an Wireless und Leitsysteme

Daniel Huber, Leiter der ABB-Division Prozessautomation in der Region Zentraleuropa, über das FDI-Funktionsmodell auf der Namur-Hauptsitzung und Anwender-Erwartungen an Wireless und Leitsysteme *  Fragen: Dr. Ulla Reutner, P&A Bilder: ABB, P&A  

ABB wird in diesem Jahr Sponsor der Namur-Hauptsitzung und hat angekündigt, dort erstmals ein FDI-Funktionsmodell zu zeigen. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Daniel Huber: Es liegt uns sehr viel daran. Ich stufe das als einen sehr großen Meilenstein in der gesamten FDI-Entwicklung ein. Wir werden die komplette Toolumgebung mit unserem Leitsystem 800xA vorstellen und bringen dabei Geräte verschiedener Hersteller zusammen – auch auf ausdrücklichen Wunsch der Namur.

Sind Ihre Wettbewerber auch schon soweit?

Wenn Sie meinen, was das Leitsystem betrifft: Das kann ich nicht beurteilen, da kann ich nur für uns sprechen. Auf der Geräteseite sind einige ebenso weit, wenn auch noch nicht alle.

Die FDI-Entwicklung hat sich sehr lange hingezogen. Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, niemand glaubt mehr so richtig an einen Erfolg.

Das Gefühl hatte ich auch, als ich vor drei Jahren zur Prozessautomation bei ABB kam. Wir bei ABB waren allerdings von Anfang an der Ansicht: Es ist der richtige Schritt, sich von FDT und EDD zu einer einheitlichen Lösung zu bewegen. Aber anfangs ging es nicht vorwärts in der Entwicklung, die ursprünglich von den Nutzerorganisationen getrieben wurde. Daher haben wir uns vor drei Jahren mit den Mitbewerbern zusammengeschlossen, um diesen Prozess zu forcieren, in dem es ja unter anderem darum ging, Kompromisse zu finden. Und das hat viel bewirkt. Seitdem haben wir erhebliche Fortschritte erzielt.

Kompromisse zwischen Wettbewerbern auszuhandeln ist nie einfach. Warum ist es in diesem Fall gelungen?

Der wichtigste Grund war wohl, dass wir alle der Ansicht waren: Die Device Integration ist nicht wirklich ein Unterscheidungsmerkmal. Es schadet uns mehr, als dass es uns nützt, wenn wir auf unterschiedliche Protokolle setzen. Denn das bringt erhebliche Probleme in der Integration mit sich. FDI als eine einheitliche Device-Integration-Lösung bietet große Vorteile, indem es das Beste aus beiden Welten kombiniert. Und so nutzt es allen, hier in die gleiche Richtung zu marschieren.

Dann geht die ursprüngliche Verzögerung nicht auf die Kappe unterschiedlicher Firmenpolitiken?

Es gibt ja nicht nur Firmenpolitik, sondern auch die Politik der Foundations. Es war schon sehr komplex, fünf davon unter einen Hut zu bringen. Ende September haben wir nun den Vertrag unterschrieben: Die Foundations gründen die FDI Cooperation, LLC, nach amerikanischem Recht. Sie ist die Organisation, die das Management unserer gemeinsamen Lösung für die Feldgeräteintegration übernimmt. Auch wenn wir dafür drei Jahre gebraucht haben: Ich finde, es hat gut geklappt. Wir sehen das als Erfolgsmodell für andere Bereiche.

Hat denn überhaupt noch ein Anwender mit einer Einigung bei der Field Device Integration gerechnet?

Die Frage „Kommt FDI oder nicht?“ ist beantwortet. Die Anwender wollen eine einheitliche Lösung. Und die bekommen sie jetzt. Damit ist die Diskussion EDDL oder FDT in der Prozessautomation vorbei. Inzwischen existiert eine Erwartungshaltung. Viele wollen wissen, wann denn nun FDI-Produkte auf den Markt kommen. Ende nächsten Jahres wird es soweit sein.

Ursprünglich hieß es, es soll keine dritte Lösung neben FDT und EDDL entstehen. Ist das gelungen?

Ich bin überzeugt: Ja! Wir nutzen die Gerätebeschreibungssprache EDD und ermöglichen zugleich, damit die von den Geräteherstellern erstellten FDT-Programme – die DTMs – zu kombinieren. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, EDD oder FDT parallel zu fahren. Lediglich für die Migration der installierten Basis wird es noch benötigt. FDI deckt das gesamte Spektrum der Anforderungen in der Geräteintegration ab.

Das heißt, man musste an keiner Stelle Zugeständnisse machen?

Nicht von der Funktionalität her. Wir haben uns eng mit der FDT synchronisiert, um die Kompatibilität mit der installierten Basis sicherzustellen. Die Schnittstellen von FDT und FDI sind die gleichen. Wer bisher FDT genutzt hat, kann dank des User-Interface-Plug-Ins weiter wie gewohnt arbeiten. Und er hat künftig daneben die Wahlmöglichkeit, einfache Geräte mit der EDD zu beschreiben.

Welcher Aufwand kommt nun auf die Anbieter von Geräten und Integrationstools zu?

Der Aufwand wird nicht höher, als er bisher bei FDT oder EDD war. Die Gerätehersteller werden anstelle eines DTM künftig ein FDI-Package entwickeln. Dazu werden die Foundations Tools bereitstellen, wie das auch bei FDT der Fall war. Wer heute bereits im Rahmen der Kooperation an der FDI-Erstellung mitwirkt, hat eventuell einen Vorsprung. Aber die Kooperation ist ja offen – es kann jeder Hersteller beitreten und an der weiteren Entwicklung und der Pflege mitwirken.

Gibt es so etwas wie eine Rückwärtsintegration?

Die Leitsystemhersteller müssen natürlich sicherstellen, dass die installierte Basis auch weiterhin unterstützt wird. Die Leitsysteme werden solange beides verarbeiten können – DTMs beziehungsweise EDDs und FDI-Packages, wie das die installierte Basis erfordert.

Wird FDI in der Prozessautomationswelt eine kleine Revolution darstellen?

Das würde ich nicht sagen. Feldgeräteintegration ist nun mal nichts Neues. Als kleine Revolution kann man es aber wohl bezeichnen, dass es uns gelungen ist, einen einheitlichen Standard zu schaffen. Schließlich haben wir das beim Feldbus bis heute nicht geschafft. Wireless diskutieren wir kontrovers; bei Ethernet-Bussen haben wir ebenfalls unterschiedliche Lösungen…

Sollte der, der heute über ein Upgrade oder die Migration seiner Leittechnik nachdenkt, auf eine Leitsystem-Version warten, die bereits FDI unterstützt?

Er sollte nicht warten, jedoch ein Leitsystem auswählen, das in Zukunft FDI unterstützen wird. Eine solche Erneuerung betrifft ja in der Regel auch die Feldinstrumentierung. Und es bietet sich heute wirklich an, da gleich auf die FDI-Technologie zu setzen. Wir sind sicher, dass sich FDI am Markt durchsetzen wird.

Wie viele Gerätehersteller sind denn bereits kurzfristig in der Lage, ein FDI-Package zu liefern?

Neben ABB sind das Siemens, Yokogawa, Honeywell, Emerson, Invensys und Endress+Hauser. Und wir werden auf der Namur-Hauptsitzung zeigen, dass FDI herstellerübergreifend funktioniert. Einige Hersteller sind heute noch im Wartestellung, bis die Spezifikationen komplett bereitstehen. Das wird im Laufe des nächsten Jahres der Fall sein.

Die meisten Anwender möchten vor allem wettbewerbsfähig bleiben. Trägt FDI dazu bei?

Es trägt dazu bei. Die Kritik der Anwender lautete ja, dass es bislang sehr schwierig ist, Geräte zu integrieren. Da nicht von allen Herstellern beide Standards FDT und EDD unterstützt wurden, trafen in zahlreichen Projekten die Welten aufeinander – und das führte dazu, dass diverse Router, Gateways und vieles mehr eingesetzt werden mussten. Das kostet sehr viel Aufwand. Wir versprechen uns da von der FDI einen Durchbruch, weil nun alle auf den gleichen Standard setzen. Die Vorteile liegen vor allem im geringeren Engineering-Aufwand und bringen eine erhebliche Kostenreduktion mit sich.

Gibt es derzeit noch ungelöste Themen, denen Sie eine ähnliche Bedeutung zumessen – und deren Lösung also ebenfalls einen deutlichen Kostenvorteil für den Anwender mit sich bringen würde?

Das Thema Wireless ist zumindest ähnlich gelagert. Die Anwender haben deutlich gemacht, dass sie nicht investieren werden, solange wir als Hersteller uns nicht auf einen Wireless-Standard einigen. Das ist allerdings nicht so einfach wie bei FDI. Wir versuchen ein ähnliches Konstrukt, um das Ganze zu harmonisieren. Der Durchbruch für Wireless wird kommen, sobald es einen einheitlichen Standard gibt. Sonst haben sie die gleichen Probleme wie bei der Feldgeräteintegration. Momentan schaut es vielversprechend aus, wir haben im zurückliegenden Jahr große Fortschritte erzielt. Aber es ist heute noch zu früh , von einem Erfolg zu sprechen.

Was wäre dafür zuträglich? Gibt es beispielsweise etwas, was –aus Ihrem Blickwinkel – die Anwender beitragen müssten?

Wir wünschen uns von den Anwendern eine klarere Vorgabe. Was würden Anwender gerne sehen, was brauchen sie, welche Anforderungen gibt es? Bei FDI etwa ist die Namur sehr konkret geworden. Allerdings sind die Unterschiede der existierenden Wireless-Lösungen größer als das bei FDT/DTM und EDD der Fall war. Man kann in diesem Fall nicht so einfach sagen, man nimmt das Beste aus beiden Welten und fügt es in einer Lösung zusammen.

Und was fordern Anwender für das Leitsystem der Zukunft?

Wir hatten erst vor kurzem eine interessante Diskussion mit Anwendern. Die haben uns deutlich gesagt: Funktionalität haben wir in den heutigen Leitsystemen genug. Wir wollen Robustheit und Verfügbarkeit. Darin sehe ich ein wichtiges Ziel: Auch die Softwarepakete müssen wieder stabiler und robuster werden – ähnlich wie es die prozessnahen Komponenten heute schon ist. Mit dem Einsatz von Microsoft-Betriebssystemen haben wir uns – neben zahlreichen Vorteilen – auch viel Instabilität und insbesondere einen erhöhten Updateaufwand eingehandelt.

Eine Abkehr von Microsoft? Schwer vorstellbar.

Eine komplette Abkehr von Microsoft wahrscheinlich eher nicht. Man muss unterscheiden zwischen Server und Client. Wo ist Stabilität gefragt? Wo will ich die Nutzerfreundlichkeit von Microsoft weiterhin haben – und wo bringt sie mir nicht so viel?

Welche übrigen Trends in der Prozessindustrie wirken sich auf Weiterentwicklungen des Leitsystems aus?

Zum einen der Trend zur immer stärkeren Nutzung von Modellierung und Simulation: Die Leitsysteme sind so offen, dass entsprechende Programme heute schon integriert werden können. Ein wichtiges Thema wird sicher Cyber Security sein. Da braucht es Systeme, die schon von der Entwicklung her sicher sind. Mit der Namur diskutieren wird derzeit zum Beispiel über das High-Perfomance-HMI bzw. -Bedienoberflächen. Aktuelle Windows-basierte Bedienoberflächen mit einer Vielzahl von eingebetteten 3-D-Modellen und allen möglichen Nebenfunktionen lenken heute Anlagenfahrer vom Wesentlichen ab. Der Trend geht eher wieder weg davon, hin zu einfacherer, weniger farbig gehaltener Grafik und der Darstellung der wirklich wichtigen Anlagen- und Alarminformationen, die dann entsprechend hervorgehoben werden. Dies, verbunden mit den Möglichkeiten des Alarmmanagements, wird es dem Anlagenfahrer künftig wieder einfacher machen. Da wird sich noch einiges bewegen.

Unterstützt dies die Forderungen einiger Manager in der chemischen Industrie, den Anlagenfahrer in Zukunft mehr und mehr zum Operational-Excellence-Manager zu machen, der täglich das Optimum an Produktivität aus seiner Anlage herauskitzelt?

Ja, ich denke, auf diesem Weg sind wir bereits einen guten Schritt vorangekommen. Der Anlagenfahrer kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wobei sich auch da sicherlich noch vieles ändern wird. Viele der heutigen Anlagenfahrer stammen noch aus der Digital-Immigrants-Generation. Die kommende Generation der Digital-Natives geht schon sehr viel selbstverständlicher und in anderer Weise mit der modernen IT-Technik um. Ein Zukunftsmodell könnte vielleicht so ähnlich ausschauen wie im Film Minority Report mit Tom Cruise aus dem Jahr 2002. Wie dort die IT bedient wird, ist heute schon nah an der Realität, wenn sie sich zum Beispiel heute bei uns im ABB Forschungszentrum umschauen.☐

• more@click-Code: PA911202

Kontaktdaten

ABB Automation GmbH
Stierstädter Straße 5
60488 Frankfurt/Praunheim
Deutschland
T +49-69-7930-40
E-Mail schreiben
zur Website
GO TOP

Aktuelles Kompendium

P&A-Reportage

P&A-Spezial

P&A-Management

Businessprofile

P&A Lexikon

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
SUCHEN