Erschienen in: P&A Oktober 2011, S. 14
Auftakt  |  

In Zukunft öfter Sonne tanken

Bioethanolproduktion der zweiten Generation vor dem Start

Eine Demonstrationsanlage soll in Straubing den Beweis erbringen, dass Bioethanol eine echte Konkurrenz für fossile Brennstoffe sein kann – wirtschaftlich und ohne Tank-oder-Teller-Debatte. Hinter der Entwicklung stehen Visionäre, die mit Biotechnologie eine ganze Industrie aufmischen wollen. * Text: Marius Schaub, P&A   Bilder: P&A; Süd-Chemie   www.PuA24.net/PDF/PA811903

2011 erlebte die Süd-Chemie eine Schönwetterfront: Trotz leichten Fehlbetrags beim Gewinn ist der Umsatz deutlich gestiegen, und die Aussichten für den weiteren Jahresverlauf sind sonnig. Auch die Übernahme des Spezialchemiekonzerns durch das Schweizer Unternehmen Clariant hat keine Wolken am Himmel aufziehen lassen. Besonders ein Projekt der Süd-Chemie steht im Zeichen der Sonne: Seit der Grundsteinlegung am 26. Juli entsteht im niederbayrischen Straubing bis Ende des Jahres die erste Demonstrationsanlage für das Sunliquid-Verfahren. In diesem wird Bioethanol aus den lignozellulosehaltigen Bestandteilen von Pflanzen gewonnen – Abfälle, die nie auf einem Teller gelandet wären und damit auch nicht in Konkurrenz zum Lebensmittelmarkt stehen. Der Prozess zur Gewinnung von Biokraftstoff hebt sich damit deutlich von bisher gängigen Methoden ab, die auf stärkehaltige Pflanzenanteile angewiesen sind.

Über ein Jahr lang hat der Konzern Standortbewertung betrieben – in Nordamerika, Südamerika und Europa. Dann fiel die Entscheidung auf Straubing. "Für die USA hätte die Stärkung unserer Marktpräsenz gesprochen", so Dr. Markus Rarbach, Leiter der Biokatalyse bei der Süd-Chemie. "Für den Standort Straubing spricht die exzellente Infrastruktur und die räumliche Nähe zum Entwicklungszentrum in München."

Und für die benötigten Rohstoffe sorgt der nährstoffreiche Gäuboden. "Zu den Agrarreststoffen, auf die wir uns konzentrieren, gehört Weizenstroh, Maisstroh und Bagasse – je nach regionaler Verfügbarkeit", führt Rarbach aus. Die breite Aufstellung macht Sinn: So müssen keine spezifischen Pflanzen angebaut werden, es können die Rohstoffe genutzt werden, die ohnehin vorhanden sind. "Bei der Produktion von etwa 300 Millionen Tonnen Getreide im Jahr fallen in Europa auch rund 300 Millionen Tonnen Stroh an", meint Rarbach zu den Größenordnungen, die seinem Unternehmen vorschweben. "Damit könnte man mindestens zwanzig Prozent des europäischen Benzinbedarfs ersetzen – und bereits damit die gegenwärtigen Klimaschutzziele mehr als erfüllen."

Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Konzern viele vergleichsweise kleine Produktionsanlagen vor Augen, deren Standorte sich an der regionalen Verfügbarkeit der Rohstoffe orientieren sollen. "Bei einer recht konservativen landwirtschaftlichen Nutzung von zehn Prozent der verfügbaren Fläche kann man von einem 40-Kilometer-Radius ausgehen, innerhalb dessen Rohstoffe vernünftig gesammelt und mit geringem CO2-Ausstoß zur Anlage transportiert werden können", prognostiziert Rarbach. "Das ist ein weiterer Vorteil unseres enzymatischen Verfahrens: Man kann relativ kleinskalig vorgehen." Thermochemisch hergestellte Biokraftstoffe der ersten Generation hingegen seien nur bei sehr großen Anlagen wirtschaftlich zu betreiben – zur regionalen Struktur passt dieses Konzept jedoch nicht, insbesondere, wenn man von saisonal verfügbaren Rohstoffen ausgeht.

Auch mit Blick auf den Preisaspekt für die nötigen Enzyme und den Prozess selbst sieht die Süd-Chemie sich und zukünftige Anlagenbetreiber in einer sicheren Position. "Der Prozess lebt von einem Teil der Energie, die der Rohstoff mitbringt", erklärt Rarbach. Und da kein fossiles CO2 erzeugt wird, seien im Vergleich zur Erdöl-basierten Kraftstoffherstellung Klimagaseinsparungen von 95 Prozent möglich. Dazu trägt auch die 50 Prozent höhere Ausbeute gegen-über anderen Bioethanolprozessen bei: Die neu entwickelten Mikroorganismen können C6- und auch C5-Zucker umwandeln.

Sunliquid wartet also mit vielen Neuerungen auf. "Wir befassen uns eigentlich schon sehr lange mit Themen der Prozessierung von biogenen Rohstoffen – zum Beispiel bei der Aufarbeitung von Pflanzenöl", sagt Dr. Ulrich Kettling, Leiter Bio-refinery bei der Süd-Chemie. Mit Biotech im eigentlichen Sinn habe das jedoch noch wenig zu tun gehabt. Anfang des neuen Jahrtausends kam dann die endgültige Entscheidung, stark in diesen Bereich zu investieren. Kettling sieht vor allem in der Kombination von Aufarbeitungstechnologie, chemischer Katalyse und Biotechnologie ein Alleinstellungsmerkmal seines Unternehmens: "Die Kopplung dieser drei technologischen Säulen ist einzigartig in der chemischen Industrie."

Die dahinterstehenden Disziplinen wähnt Kettling noch am Anfang. "Anfangs wurden Biotech-Prozesse lange um in der Natur vorhandene Biokatalysatoren gestaltet", meint der Abteilungsleiter. "Heute geht man von den Anforderungen aus und erzeugt sich den benötigten Biokatalysator." Für die Zukunft ist er optimistisch. "Wir werden ganz andere chemische Prozesse entdecken. Wo Biorefinery-Prozesse Einzug in die Chemie erhalten, entstehen völlig neue Möglichkeiten. Das reicht von Biokraftstoffen über Biopolymere bis hin zu diversen Spezial- und Grundchemikalien auf Basis nachwachsender Rohstoffe." Wenn 2012 die Demonstrationsanlage für das Sunliquid-Verfahren in Straubing anläuft, beginnt die Arbeit also erst: "Jetzt müssen wir anfangen, die Industrie zu verändern", meint Markus Rarbach. Die Kommerzialisierung des Verfahrens mit dem Bau erster Produktionsanlagen ist dafür der nächste Schritt. Man darf gespannt sein, was der Acker der Zukunft bereithält. ☐

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