Erschienen in: P&A Oktober 2011, S. 14
Auftakt  |  

Heute gebaut, morgen geklaut?

Beim Chemieanlagenbau wachsen außereuropäische Konkurrenz und Kostendruck

Die Konkurrenz aus dem Ausland ist immer günstiger und oft risikofreudiger. Manch deutscher Anlagenbauer fürchtet wegen Partnerschaften und Allianzen mit Asien um seinen traditionellen Know-how-Vorsprung. Auf eine einheitliche Strategie hat man sich jedoch noch nicht geeinigt. *  Text: Marius Schaub Bilder: Chemieanlagenbau Chemnitz; Uhde  

Das Ausland ist verdammt groß, vor allem, wenn man es mit dem Inland vergleicht. Darin kann man Gefahr oder Chance sehen. Die deutschen Chemieanlagenbauer sind sich noch uneins über Potenziale und Risiken ihres sich ändernden Markts, dessen Volumen beständig steigt – von 2006 bis 2010 weltweit um rund 25 Mrd. Euro. China wird seit zehn Jahren als wichtigster Abnehmer von Anlagen eingestuft. Seit 2005 steigt auch die Zahl der Projekte in Russland wieder stetig, wo deutsche Anlagenbauer schon zu Sowjet-Zeiten gut vernetzt waren. „China stagniert möglicherweise bald, aber Indien, Russland und Brasilien werden wichtiger werden“, meint Klaus Gottwald, Referent der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA. Die Entwicklung lässt sich generell schwer vorhersagen in einer Branche, in der Einzelprojekte schnell ein Gesamtvolumen im Milliardenbereich erreichen. Ein einziger Auftrag kann die Jahresbilanz der ganzen Branche komplett verändern. Immerhin: Von einer neuen Krise ist noch nirgends die Rede. Doch auch die letzte Finanzkrise hat den spätzyklischen Anlagenbau zeitverzögert erreicht und war auch erst im zweiten Halbjahr 2010 vorüber. Sicher ist: Der internationale Wettbewerb wird seit Jahren offensiver. Hier sticht besonders Südkorea heraus. Anlagenbauern wie Samsung, Daewoo und Hyundai bescheinigt die deutsche Konkurrenz hohe Risikofreude und eine offensive Preisgestaltung. Anlagenbau wird von der dem BMWi zugeordneten Germany Trade and Invest zudem als Schlüsselwirtschaft der fernöstlichen Republik angesehen. In Zahlen ausgedrückt: Der Marktanteil der südkoreanischen Anlagenbauer hat seit 2006 um sieben Prozentpunkte zugelegt. Im selben Zeitraum hat Westeuropa fünf Prozentpunkte verloren. Grund genug für eine gemeinsame Strategie?

Uneinigkeit über Asien

Die deutschen Global Player antworten mit unterschiedlicher Stimme. „Wir beobachten das Bestreben im Anlagenbau sehr genau“, sagt Hans-Jürgen Budde, Leiter Business Development and Marketing bei M+W Process Industries. Gefahr aus Asien besteht für diesen Bereich der M+W Group weniger als für andere, denn M+WPI bietet für den Anlagenbau Ingenieursdienstleistungen – ein Segment, in dem Südkorea nach Brancheneinschätzungen noch lange Zeit keine Spitzenrolle spielen wird. Deutsche Ingenieurskunst ist daher heiß begehrt. Seit mehreren Jahren ging der Trend deshalb verstärkt in Richtung Partnerschaften: Die Planung kommt aus Deutschland, der Bau hingegen wird von ausländischen Partnern und Subunternehmern vor Ort übernommen. Entsprechend beschränken sich die Verluste der Branche aus deutscher Perspektive maßgeblich auf die Ausführung, nicht auf die Planung. Eine Sicht, die Klaus Kilian, Leiter Communications bei Lurgi teilt: „Koreanische Unternehmen haben in der Regel keine eigenen Technologien oder Lizenzen. Sie sind am Bau der Anlage interessiert, nicht an der verfahrenstechnischen Planung.“ Die Aufteilung nach diesem Schema ist verlockend. Schließlich gibt es auch im 21. Jahrhundert noch etliche eher unsichere Ecken auf der Welt. Wer will schon in Ländern Milliardenanlagen bauen, für die das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgibt? So meldet Uhde, der ägyptische Frühling habe einige Projekte, die für das laufende Jahr vorgesehen waren, vorerst vertagt. In Ländern wie dem Irak sieht die Situation noch gefährlicher aus. Wer nur Technologielieferant ist und sich aus dem Bau heraushält, kann hier unnötige Risiken vermeiden. Einige Vertreter der Branche sehen Kooperationen mit ausländischen Anlagenbauern aber generell kritisch. „Wir sollten keine Allianzen mit denen eingehen, die uns wegdrängen wollen“, meint Joachim Engelmann. Der Geschäftsführer von Chemieanlagenbau Chemnitz benennt damit einen Punkt, den inzwischen auch der VDMA erkennt. „Es ist nicht verkehrt, wenn Partner sich auf ihre Stärken konzentrieren“, meint Gottwald. „Das Problem ist aber, dass bauende Partner nach einer Zeit oft auch in anderen Bereichen angreifen.“ Dass Know-how auf lange Sicht abwandert, könne zudem ohnehin nicht verhindert werden. Hans-Jürgen Budde betont für die Perspektive der M+W Group, die neben reinen Engineering-Dienstleistungen auch komplette Projektrealisierungen im Anlagenbau anbietet, daher die Notwendigkeit, im Hightech-Bereich die Nase vorn zu behalten. Von radikalen Kurswechseln will derzeit zwar niemand offen sprechen. Ein Umdenken lässt sich jedoch erkennen. „Die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zeigt, dass es in Zukunft notwendig sein wird, zurück in das Komplettgeschäft zu gehen“, meint Dr. Detlev Markmann, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Uhde. Bau und Montage müssten wieder selbst gesteuert und erbracht werden, und „auf der Baustelle sind Positionen bis auf die Vorarbeiterebene mit eigenen Leuten zu besetzen“. Entscheidungen, die letztlich jeder Marktteilnehmer selber treffen muss – einig ist sich die Branche über Verbesserungspotenzial bei den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Es fehle für viele Länder die Bereitschaft, durch Hermes-Bürgschaften Risiken zu übernehmen und so die Investitionsbereitschaft im Ausland zu erhöhen. Auch die Steuergesetzgebung wird vielfach kritisiert.

Energiepolitik als Chance

Keine Probleme hat der Chemieanlagenbau hingegen mit der Energiewende – im Gegenteil. „Das Hauptgeschäft findet ohnehin außerhalb Deutschlands statt“, gibt Klaus Gottwald vom VDMA zu bedenken. Da mit steigenden Energiepreisen der ohnehin vorhandene Drang der chemischen Industrie nach effizienteren Prozessen noch wächst, wird die sich abzeichnende Abkehr von der Kernenergie als Chance wahrgenommen. „Auch das Know-how im Rückbau von Kraftwerken kann man anderen Ländern zuteil werden lassen“, prognostiziert Hans-Jürgen Budde. Da andererseits ein Ende des Erdölzeitalters wohl noch länger auf sich warten lassen wird, sind auch jene Anlagenbauer optimistisch, die sich maßgeblich der Öl- und Gasverarbeitung verschrieben haben. „Wir werden weiterhin flüssige Treibstoffe brauchen, speziell in der Luftfahrt – mit einer Batterie kann man nicht fliegen“, meint Klaus Kilian von Lurgi. Wahrscheinlich ist, dass die Anzahl der verschiedenen Rohstoffe zur Gewinnung von Treibstoffen und Polymeren zunehmen wird – und mit ihnen die nötige Kompetenz bei der Verarbeitung. Ansätze für den deutschen Anlagenbau, verlorengegangene Marktanteile zurückzuholen, sind also reichlich gegeben. Der VDMA rät vor allem zu Kostensenkung durch Standardisierung und Modularisierung – und zum Ausbau der Technologieführerschaft.☐

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