Erschienen in: P&A April 2011, S. 16
Auftakt  |  

Kräftemessen am Energietisch

Eine Initiative der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) verhilft ihren Mitgliedern zu höherer Energieeffizienz

Steuerpolitik, Umweltbewusstsein und nicht zuletzt die angepeilten Margen sprechen fürs Energiesparen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie lädt daher ihre Mitglieder an den „Energietisch“ – als Sparringspartner in Sachen Effizienz. *  Text: Dr. Ulla Reutner, P&A Bilder: Simon A. Webber, BVE, Siemens  

Ein eintägiger Energieworkshop im Jahr 2008, ausgerichtet von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), war der Anfang. Das Interesse war groß – zwischen 50 und 100 Teilnehmer lockt der inzwischen regelmäßig durchgeführte Workshop. Und er machte Lust auf mehr. „In diesem zeitlich eingeschränkten Rahmen kann man viele Aspekte nur anreißen“, erkannte BVE-Geschäftsführer Peter Feller. Ein Manko, den der Verband umgehend abstellte. Noch im Herbst desselben Jahres wurde das Netzwerk Energieeffizienz in der Ernährungsindustrie gegründet – und mit ihm die „Energietische“. Acht bis zwölf Unternehmen sind seitdem an jedem dieser Energietische vertreten. Dort nehmen Personen Platz, die operativ für das Feld Energie und Produktion in ihren Unternehmen verantwortlich sind – vom Utility-Verantwortlichen eines Großkonzerns bis hin zum Technik-verantwortlichen Geschäftsführer eines Mittelständlers. Eine entsprechende Expertise sei jedenfalls unbedingt notwendig, denn, so Feller, „an den Energietischen wird nicht einfach nur Information konsumiert. Bei jedem Thema wird immer auch ein Bezug zu den entsendenden Betrieben hergestellt.“ Die Teilnehmer kommen gut vorbereitet – und profitieren, wenn sie die gewonnenen Erkenntnisse anschließend mindestens ebenso gut nachbereiten und in ihren Betrieben umsetzen. Achtmal nehmen die effizienzhungrigen Vertreter der Food-Industrie an „ihrem“ Energietisch Platz. Jeder Termin widmet sich an einem kompletten Tag anderen Fragestellungen: von der Potenzialabschätzung über die Auswertung von Energiebezugstarifen bis zur Analyse von Wärme- und Kälteversorgung, von Motoren, Antrieben, Pumpen und Wärmeverbraucher bis hin zur Implementierung eines Energiemanagementsystems. „Gerade unsere Industrie hat sehr überschaubare Margen, mit Umsatzrenditen, die sich in der Regel im einstelligen Prozentbereich bewegen. Der Preisdruck, den große Handelsketten auf die Hersteller ausüben, ist immens“, erläutert Feller den Hintergrund. Den meisten der vorwiegend mittelständischen Unternehmen seiner Branche kann der Verband demnach wohl mit dem Aspekt Energiekosten Appetit auf die Teilnahme an einem Energietisch machen. Feller: „Um die Jahresziele erreichen zu können, kommt es auf vernünftiges Kostenmanagement an. Ein wichtiger Teilaspekt dabei stellt der Energiebereich dar. Dieses Feld wollten wir bedienen.“ Die gleichzeitige Verbesserung der Nachhaltigkeit ist aus Verbandssicht aber ebenfalls von hoher Bedeutung, „auch wenn wir damit allein zurzeit nur wenige Unternehmen hinter dem Ofen vorlocken würden.“ Der BVE stellt sich der umweltpolitischen Verantwortung. Feller: „Erfahrungsgemäß kann man die Politik von beschränkenden Regeln abhalten, wenn die Industrie zeigt: Wir sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“ Und so sieht er das Netzwerk Energieeffizienz auch als lebendigen Beweis dafür, dass die Ernährungsindustrie auch in Sachen Klimaschutz aktiv ist. Im Moment jedenfalls neige die Politik nicht dazu, Umweltkennzeichnungen – etwa den Blauen Engel oder ein Carbon-Footprint-Symbol – für Nahrungsmittel einzuführen. „Das führen wir zum Teil auch auf diese Initiative zurück.“ Rund 50 Unternehmen haben bisher die Energietische kennengelernt, angesichts von 5.800 Nahrungsmittel erzeugenden Betrieben in Deutschland eine überschaubare Zahl, gibt Feller lächelnd zu. Er hat allerdings größtes Verständnis. „Der Aufwand für acht Schulungstage plus Vor- und Nachbereitung ist nicht unerheblich, und die Organisationsstrukturen der meisten Betriebe sind angesichts des schwierigen Marktumfelds wirklich lean.“ Wer sich dennoch Zeit nimmt, bekommt einiges serviert. „Die Basis ist aktives Teaching durch einen sachkundigen Moderator“, schildert Feller, „und so kommen die Teilnehmer schließlich in den Austausch, erfahren, wie andere bestimmte Teilaspekte der Energieoptimierung in ihren Betrieben durchführen.“ Getriggert und moderiert werden die Energietische vom Siemens-Bereich Energy & Climate Change in Aachen, der ehemaligen EUtech, mit der die BVE bereits seit den 1990er Jahren zusammenarbeitet. Mitglieder unterschiedlichster Teilbranchen von der Zuckerraffinerie über Brauereien bis hin zu Milchverarbeitern waren bereits Tischnachbarn. Ist so echtes Benchmark möglich? Angesichts der Teilnehmervielfalt bewertet Feller diese Option als zu hoch gegriffen. Erfahrungen scheinen dennoch häufig übertragbar, etwa wenn Dr. Frieder Lorenz von Südzucker konstatiert: „Unsere Kraft-Wärme-Kopplungsanlage trägt wesentlich zur kostengünstigen und umweltfreundlichen Versorgung unseres Betriebs bei.“ Selbst für völlig branchenfremde Unternehmen der Prozessindustrien, bei denen ein hoher Klimatisierungsaufwand die Energiekosten in die Höhe treibt, mag gelten: „Durch Reduzierung der Luftwechselzahl und Anhebung der Raumtemperatur kann ohne Investition Geld eingespart werden“, wie Hans-Georg Catterfeld von der Brauerei Fürstenberg an einem der Energietische lernte. Intelligenten Beleuchtungssystemen wiederum schreibt Friedrich-Wilhelm Flebbe von Kraft Foods ein großes Potenzial zu: Durch Umrüstung auf T5-Leuchtmittel mit EVG und Präsenzmeldern konnte sein Unternehmen den Energieverbrauch in einem Lagerbereich um mindestens 50 Prozent reduzieren. Als Anregung für viele Unternehmen kann auch die Erfahrung von Eberhard Frütsche vom Maggi-Werk Singen (Nestlé) im Hinblick auf die Nutzung von Prozessabwärme dienen: „In Singen haben wir gemeinsam mit unserem Nachbarbetrieb eine innovative, sehr profitable Lösung umgesetzt.“

Wichtiges „Tischgespräch“ der BVE-Initiative: Wie nutzt man Prozessabwärme effizient? Übertragbare Erfahrungen machte unter anderem das Maggi-Werk Singen.

Kraft, Nestlé, Carlsberg – der Branche eine Nasenlänge voraus

Wer bis zum Schluss der Energietisch-Runden durchhält, bekommt ein echtes Zukunftsthema serviert: Energiemanagementsysteme implementieren steht auf der Speisekarte, respektive auf dem Lehrplan. Der Aufwand hierfür ist durchaus erheblich, doch „er ist auf jeden Fall gerechtfertigt“, meint Peter Feller. Der BVE-Geschäftsführer stellt in Aussicht: „Wenn man ein Energiemanagementsystem erst einmal implementiert hat, hat man den Überblick über alle energierelevanten Aspekte in einem Betrieb – von der Beschaffung bis zum Verbrauch: eine unabdingbare Grundlage dafür, dass man systematisch an die Energieverbräuche herangehen kann.“ Zudem winken Steuererleichterungen, denn, so Feller: „Ab 2013 kann ein zertifiziertes Energiemanagementsystem Voraussetzung für Energiesteuerermäßigungen für das produzierende Gewerbe sein. Viele Unternehmen stellen sich heute bereits darauf ein, dass eine solche Anforderung kommen wird.“ Die großen, international aufgestellten Unternehmen wie Kraft, Nestlé, Carlsberg sind dabei – wie so oft – der Branche mehr als eine Nasenlänge voraus. Kennzahlen gesteuerte Effizienzprogramme, und dazu gehören eben auch Energiemanagementsysteme, wurden dort Fellers Erfahrung nach bereits vor Jahren eingeführt. Mittelständler, die ihnen gleich ziehen und zudem von Steuererleichterungen profitieren wollen, sollten keine Zeit verlieren. Die nächsten Energietische für das Jahr 2011 hat die BVE schon gedeckt, Feinschmecker in Sachen Effizienz und solche die es werden wollen, können Platz nehmen.☐

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