Die Vertriebsabteilung des deutschen Bauunternehmens war in Feierlaune. Der Kunde in Algerien hatte soeben die Auftragsbestätigung für den Bau der Wasserpipeline zugestellt. Einige Monate später war die Stimmung in der Chefetage des Bauunternehmens erheblich getrübt – die ursprünglich einkalkulierte Gewinnmarge war kaum mehr existent. Denn die Vertriebsabteilung war sich damals bei der Angebotsabgabe nicht bewusst gewesen, dass die angespannte Sicherheitslage im Nordosten Algeriens erhebliche finanzielle und personelle Investitionen in die Sicherheit der Mitarbeiter vor Ort erforderte. Global agierende Unternehmen und Konzerne müssen zunehmend in Regionen mit erhöhten Sicherheitsrisiken (z.B. Mexiko, Nigeria, Indien) vor Ort präsent sein. Damit verbunden gewinnt im Rahmen von Projekten das Thema „Sicherheit“ bereits frühzeitig an Bedeutung. Insbesondere der global operierende Mittelständler hat in der Vergangenheit Kosten und Planungen für die Sicherheit des Projektes und der Mitarbeiter in das Projektmanagement nicht mit einbezogen. Die Folge waren die Vernachlässigung der Fürsorgepflicht oder vorher nicht einkalkulierte Zusatzkosten. Bereits in der Akquisephase eines Projektes in Regionen mit erhöhten Risiken müssen Unternehmen das Thema Sicherheit mit einbeziehen. Denn abhängig vom Umfang der Risikoinkaufnahme kann bereits in der Akquisephase das Unternehmen zu dem Schluss kommen, aufgrund der Sicherheitskosten oder des Risikos für die Mitarbeiter ein Projekt nicht weiter zu verfolgen. In Ländern wie dem Irak belaufen sich die Kosten für das Thema Sicherheit im zweistelligen Prozentbereich des Gesamtumsatzes. Der erste Schritt bei der Sicherheit von Projekten im Ausland besteht in der Bestandsaufnahme und der Informationssammlung. Die Art des Auftrages ist entscheidend. Denn die einwöchige Wartung eines Kraftwerkes in Pakistan erfordert eine weit aus geringere Sicherheitsinfrastruktur und Logistik als der mehrjährige Bau eines Staudammes in Afghanistan, bei dem auch regelmäßige Materialtransporte erfolgen. Ferner exponieren sich die Mitarbeiter mit der Länge des Projektes zunehmend. Aus dem Vertrag mit dem Kunden sollte auch hervorgehen, welcher der Vertragspartner die Verantwortung und Kosten für den Schutz der Mitarbeiter vor Ort trägt. Die Schutzmaßnahmen können sehr umfangreich sein und beinhalten nicht nur das Bereitstellen von Wachpersonal und Sicherheitsmanagern, sondern in Ländern wie Indien, Nigeria oder dem Irak auch die Ausbildung lokalen Wachpersonals. Ohne westliche Sicherheitsmanager ist vor Ort beim Einsatz einheimischen Personals eine professionelle Sicherheitsoperation nicht möglich.
Risikobewertung
Die Risikoanalyse dient dem Identifizieren und Bewerten der Risiken, die in folgende Hauptkategorien unterteilt werden können: politische Risiken, Kriminalität, Terrorismus sowie Krankheiten, Unfälle und Naturkatastrophen. Verschiedene Tools stehen hierbei zur Verfügung. Einen ersten Überblick über die Situation im Lande bieten die Online-Länderinformationen der Außenministerien. Für eine detaillierte Analyse der Situation vor Ort sind diese aber aus zwei Gründen unzureichend: Es fehlt an detaillierten Informationen zur Sicherheitslage in den jeweiligen Städten und Stadtteilen. Ferner führen politische Interessen nicht immer zu einer objektiven Darstellung der Situation in den Ländern. Kommerzielle Länderdatenbanksysteme schließen hier die Lücke. Sie bieten sehr detaillierte Informationen zu den Risiken in verschiedenen Ländern und Städten (z.B. wie offizielle Taxen von inoffiziellen zu unterscheiden sind, vor welchen Gebäuden es häufig zu gewaltsamen Protesten kommt). Diese Länderinformationssystem arbeiten ähnlich wie behördliche Nachrichtendienste: Die Informationen stammen aus einer Vielzahl von Medienpublikationen sowie von mehreren hundert menschlichen Informationsquellen, die für diese Unternehmen tätig sind. Auch die Identifizierung von einflussreichen Schlüsselpersonen, die das eigene Projekt unterstützen oder behindern können, ist Teil der Risikoanalyse. Im Niger-Delta Nigerias fühlt sich die lokale Bevölkerung als Verlierer des Öl-Booms. Militanten Organisationen gelingt es immer wieder, multinationale Firmen zu attackieren. Die Folge sind Betriebsunterbrechungen mit teilweise Millionenverlusten pro Tag durch die Produktionsausfälle. Die Einflussnahme auf die unterschiedlichen Player muss daher Teil eines ganzheitlichen Sicherheitskonzeptes sein. Trotz aller online verfügbaren Informationen ist in der Regel eine Analyse vor Ort erforderlich. Die Zahl der erforderlichen Wachleute für eine Baustelle in Angola ist unter anderem abhängig von der Geländebeschaffenheit und Infrastruktur. Mit so genannten Site Surveys wird der Ist-Zustand vor Ort erfasst, festgehalten und darauf basierend werden lageangepasste Vorschläge zur Optimierung des Schutzes des Projektes und der eingesetzten Mitarbeiter erarbeitet. So kann ein Zuviel oder Zuwenig an Sicherheit vermieden werden. Oftmals sind Vertriebsmitarbeiter oder Projektleiter aufgrund des Mangels an Fachwissen auf dem Gebiet der Sicherheit nicht in der Lage, eine detaillierte Site Survey durchzuführen. Professionelle Sicherheitsberater oder Mitarbeiter der unternehmenseigenen Sicherheitsabteilung verfügen jedoch über diese Expertise. Erkannte Risiken müssen gemanagt werden. Es gibt verschiedene Wege, mit erkannten Risiken umzugehen:
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- Risikovermeidung (u.a. kein Engagement in dem Land bzw. das Projekt wird nicht durchgeführt)
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- Risikotransfer (Abschluss von Versicherungen für politische Risiken, Entführungen usw.)
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- Risikoaufteilung (u.a. Projekt wird in Zusammenarbeit mit einem lokalen Partner durchgeführt)
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- Risikoreduzierung (u.a. Implementierung von Schutzmaßnahmen und Notfallplanung)
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- Risikoakzeptanz (das Unternehmen nimmt das zu erwartende Risiko in Kauf)
Der aufwendigste Teil im Sicherheitskonzept ist die Absicherung im Lande selbst. Bei Großprojekten im Ausland (z.B. Errichten einer Brauerei oder eines Kraftwerkes) werden die Absicherungsmaßnahmen vor Ort in der Regel folgende Komponenten beinhalten:
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- Personentransporte Flughafen-Baustelle und zurück
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- Materialtransporte zur Baustelle
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- Absicherung des Camps (Expats und Locals) und Personals in der Aufbau-, Bau- und Abbauphase
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- Absicherung der Baustelle und des lagernden Materials
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- Fahrten vom Camp zur Baustelle und zurück (falls Fahrten erforderlich sind)
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- Freizeitaktivitäten der Mitarbeiter
Die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und ausländischen Institutionen (u.a. Botschaften, NGOs) ist ein wesentlicher Bestandteil des Schutzkonzeptes. Hier können möglicherweise weitere, aktuelle Informationen beschafft, personelle Unterstützung ausgehandelt und Absprachen für Notsituationen (z.B. Evakuierung) getroffen werden. Ein Kernelement bildet auch das Monitoring der Lage vor Ort sowie das Tracking der eingesetzten Mitarbeiter während der Reisen und des Aufenthaltes. Das Sicherheitskonzept wäre unvollständig, wenn Vorbereitungen für Notsituationen fehlen würden. In jedem Fall sollte eine rund um die Uhr erreichbare Notfall-Hotline mit kompetenten Ansprechpartnern vorhanden sein. Das Unternehmen sollte in der Firmenzentrale über eine Krisenmanagementstruktur und vor Ort im Lande über eine Notfallmanagementstruktur verfügen. Der Krisenstab sollte zumindest einmal jährlich ein realistisches Krisenszenario unter Anleitung eines externen Beraters durchspielen. Gängige Krisenszenarien umfassen unter anderem Evakuierung von Mitarbeitern und Familienangehörigen, Entführung und Erpressung, landesweiter Streik, der das Unternehmensprojekt gefährdet, Festnahme von Mitarbeitern durch lokale Behörden, Terroranschlag, Arbeits- bzw. Produktionsunfall (Großschadenslage) sowie gewaltsamer Regimewechsel (Aufruhr, Putsch). Die interne und externe Kommunikation sowie die (psychologische) Betreuung der Betroffenen dürfen nicht fehlen und sind integraler Teil des Krisenmanagements.
Zusammenfassung
Der Erfolg eines Projektes in Ländern mit erhöhten Sicherheitsrisiken hängt in erheblichem Maße von der Sicherheitslage vor Ort und der professionellen Planung und Umsetzung von Schutzkonzepten ab. Sicherheit ist ein Werkzeug, um Geschäfte auch in risikobehafteten Regionen zu ermöglichen. Somit wird ein Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz ermöglicht. Wenn Sicherheit frühzeitig mit einbezogen wird, schützt sich das Unternehmen vor bösen Überraschungen. Ganzheitliche Sicherheitskonzepte sollen Projekte im Ausland nicht behindern, sondern ermöglichen und aktiv unterstützen.
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