Erschienen in: P&A Kompendium 2007/2008, S. 248
Sicherheit & Ex-Schutz  |  

Forschung für die Sicherheit

Ohne Zweifel ist es richtig, die öffentliche Forschungsförderung als politisches und wirtschaftliches Steuerungsinstrument einzusetzen. Im Schwerpunkt dieser Förderung liegen deshalb technische Innovationen, die neue oder verbesserte Produkte oder Verfahren erwarten lassen, die unsere Lebensqualität erhöhen und unsere Wirtschaft beflügeln sollen. Hierfür stehen Begriffe wie Bio-, Nano-, Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch Umwelt und natürliche Ressourcen. Damit die eingesetzten Mittel die größtmögliche Wirkung entfalten, setzt die Forschungspolitik – auch national – seit einiger Zeit verstärkt auf große Verbundprojekte mit vielen Partnern. „Leuchtturmprojekte“ sollen Exzellenz bündeln, Sichtbarkeit gewährleisten und zu innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen beitragen. Auch das ist sicherlich richtig. Es gibt aber auch andersgearteten Bedarf an Forschungsförderung. Mit ihrem Positionspapier vom März 2004 „Kompetenzsicherung und -weiterentwicklung in der Sicherheitstechnik“ hat sich die Dechema (Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie) zur Bedeutung des in Deutschland hohen Sicherheitsniveaus verfahrenstechnischer Anlagen geäußert, das nicht nur Mensch und Umwelt vor Schäden bewahrt, sondern unbestritten auch einen Wettbewerbsvorteil für die chemische Industrie und den Apparatebau darstellt. Zum Erhalt dieses Sicherheitsniveaus wird Bedarf an einer gezielten Forschungsförderung gesehen, als Voraussetzung für die notwendige sicherheitstechnische Qualifizierung im Rahmen der einschlägigen Hochschulausbildungen. Eine solche Förderung hatte es zwischen 1980 und 1995 gegeben. Bedarf wurde seinerzeit unter anderem wegen einer Reihe von Unfällen – außerhalb Deutschlands – gesehen. In dieser Zeit hat der Staat die Sicherheitsforschung national durch steigende Fördersummen bis jährlich 14 Millionen DM unterstützt. Zeitgleich wurde dieses Gebiet durch ein europäisches Forschungsprogramm „Major Technological Hazards“ mit 10 Millionen DM pro Jahr gefördert. Nach Einstellen dieser Förderprogramme ging das Interesse an der Sicherheitstechnik zurück. Indikatoren sind die Zahl der mit sicherheitstechnischen Fragen befassten deutschen Forschungsinstitute, deren Zahl sich seit Einstellung der Förderung etwa halbiert hat, die Zahl der sicherheitstechnischen Beiträge zu Tagungen, die Bewerberlage bei einschlägigen Stellenausschreibungen etc. Diese Tendenz verwundert nicht. Hochschullehrer müssen sich um Drittmittel bemühen. Drittmittel sind eines der üblichen Kriterien für den Nachweis der Forschungsqualität an den Universitäten – und nicht nur dort – wie auch der Qualität von einzelnen Hochschullehrern. Also wenden sich diese vermehrt den Themen zu, die gefördert werden. Das ist ja auch die Absicht. Nun ist für junge Menschen das Thema Sicherheit von technischen Produkten, Prozessen, Anlagen und Systemen im Allgemeinen weniger attraktiv als die eingangs angesprochenen Zukunftstechnologien und -themen. Erst recht, wenn in diesem Bereich tätige Hochschullehrer kein Geld beispielsweise für potenzielle Doktoranden haben. So entsteht ein Nachwuchsproblem, übrigens auch in anderen industriellen Bereichen. Nun hat Deutschland seit Anfang dieses Jahres wieder ein nationales Sicherheitsforschungsprogramm. Unter dem Titel „Forschung für die zivile Sicherheit“ geht es hier aber um die Abwehr von Bedrohungen durch Terrorismus oder extremistische Angriffe, also um den Bereich der Sicherheit, der im Englischen mit Security bezeichnet wird – im Unterschied zu Safety für technische Sicherheit. Der Versuch, Forschungsthemen zur Sicherheit der chemischen Industrie als kritische Infrastruktur in diesem Programm zu verankern, die sowohl Security- als auch Safety-relevant sind, ist zumindest für das derzeitige Programm fehlgeschlagen. Klar war bei diesem Versuch, dass bei Erfolg das damit verbundene Signal an die sicherheitstechnischen Institute ohnehin klein gewesen wäre; so entfällt es ganz. Mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde schon vor und während der Entwicklung der nationalen Forschungsstrategie auf dem Gebiet der Sicherheit über das Thema „Kompetenzsicherung“ gesprochen. Die derzeitige Forschungspolitik steht jedoch einer unmittelbaren Förderung sicherheitstechnischer Forschung im Sinne der Dechema-Initiative entgegen. Auch die Europäische Union fördert nun wieder die Sicherheitsforschung. Der Security ist im 7. Rahmenprogramm ein eigener, prioritärer Themenschwerpunkt gewidmet. Damit die technische Sicherheit nicht zu kurz kommt, hatte sich rechtzeitig zur Vorbereitung des 7. RP die European Technology Platform Industrial Safety (ETPIS) formiert und Anfang 2006 der Europäischen Kommission ihre „Strategic Research Agenda“ vorgelegt. Diese zielt primär auf einen über die verschiedenen Industriezweige übergreifenden Ansatz zur Gewährleistung industrieller Sicherheit. Themen, die die Sicherheit verfahrenstechnischer Anlagen betreffen, sind aber auch enthalten (zum Beispiel zum Verständnis von Bränden und Explosionen, Modellierung und Simulation, Druckentlastungseinrichtungen). In den Aufruf 2007 ist mit dem Thema „Integriertes Risikomanagement in industriellen Systemen“ der übergreifende Ansatz eingeflossen, für den Aufruf 2008 werden zurzeit die Vorbereitungen getroffen. Hier will die Ende 2006 gegründete Nationale Spiegelplattform Industrielle Sicherheit (DE-TPIS) thematisch Einfluss nehmen. Der Dechema/GVC-Forschungsausschuss „Sicherheit in Chemieanlagen“ (heute in ProcessNet integriert) hatte bereits 2005 zur Unterlegung der Kompetenzsicherungsinitiative eine Forschungsthemensammlung seiner Arbeitsausschüsse aus Industriesicht bewertet und vier prioritäre Themenschwerpunkte identifiziert: Risiko und Zuverlässigkeit, Modellierung und Prozesssimulation, sicherheitstechnische Bewertung neuer Technologien und eben Kompetenzvermittlung. Diese Themen sollen nun in ihrer chemiespezifischen Ausrichtung von DE-TPIS über ETPIS in kommende Aufrufe des 7. RP eingebracht werden. Bisher allerdings hält sich die Mitwirkung der einschlägigen Industrie wie Forschungsinstitute in DE-TPIS bzw. in der hierfür eingerichteten DE-TPIS-Fokusgruppe Anlagensicherheit in deutlichen Grenzen. Durch die beschriebene Möglichkeit, mit Themen zur Sicherheit chemischer Anlagen an den Fördermitteln des 7. RP teilzuhaben, wird jedoch kaum eine grundsätzliche Änderung des Interesses der universitären und außeruniversitären Forschung an diesem Gebiet eintreten. Ebensowenig, wie vom neuen Sicherheitsforschungsprogramm der Bundesregierung eine Signalwirkung erwartet wurde. Die Chancen, die sich hier in der Sache bieten, sollten dennoch nicht ungenutzt bleiben. Eine solche Chance bietet die Mitarbeit in DE-TPIS, zu der hiermit ermuntert wird. Auf der Website von DE-TPIS (http://www.industrialsafety-tp.org/de/) finden Sie auch Informationen zu der Kompetenzsicherungsinitiative der Dechema. Die Idee einer spezifischen Forschungsförderung für die Sicherheit verfahrenstechnischer Anlagen muss unbedingt aufrecht erhalten werden.

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