Erschienen in: P&A Kompendium 2007/2008, S. 50
Anlagenbetrieb & Instandhaltung  |  

Dienstleistungen neu strukturiert

Die Automatisierung von Produktionsprozessen ist die Voraussetzung für steigende Produktivität und sinkende Stückkosten in nahezu allen Wirtschaftsbereichen. Sie garantiert hohe Qualität bei gleichzeitiger Typenvielfalt und ermöglicht damit kundengerechte Produkte zu attraktiven Preisen. Automatisierung ist die Basis der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit aller modernen Industriegesellschaften. Fabrikautomation, Prozessautomation und Gebäudeautomation greifen bei der zunehmenden Verknüpfung von Funktionen entscheidend auf Hard- und Softwareprodukte der Elektro- und Informationstechnik zurück. Speziell die Entwicklung der Mikroelektronik, der Informations- und Kommunikationstechnik sowie die dazu gehörige Software haben die Elektroindustrie zum Schrittmacher der industriellen Automation gemacht. Die zunehmende Komplexität von Produktionsanlagen, Systemen, Maschinen und Automatisierungsproduktion generiert einen zunehmenden und anders strukturierten Bedarf an Dienstleistungen über deren gesamten Lebenszyklus hinweg. Früher waren Wartung und Instandhaltung handwerklich geprägt. Die Produkte der Automatisierungstechnik waren diskret, vielfach ohne eigene Intelligenz und mit einfachen, genormten Schnittstellen versehen. Wartung und Technologiesprünge waren noch vom „alten“ Wartungspersonal oder der eigenen Planungsabteilung des Betreibers beherrschbar. In den vergangenen zehn bis 15 Jahren hat sich das dramatisch verändert. Durch den Einsatz der Mikroelektronik und durch die Digitalisierung von Steuerung, Regelung und Informationsaustausch hat sich die Automatisierung immer mehr von der Elektromechanik zur Elektronik und Software hin entwickelt. Damit geriet sie in den Sog der rasanten Weiterentwicklung von Mikroelektronik, Softwarelösungen und Computertechnik. Feldgeräte werden immer intelligenter und übernehmen Teilautomatisierungsaufgaben. Das führt zu einer gewollten Dezentralisierung und Modularisierung früher zentral zusammengefasster Automatisierungsaufgaben. Der intelligente Sensor wertet die Messwerte bereits vor Ort aus und formt sie in ein systemkompatibles Übertragungsformat um. Der moderne Antriebsregler bildet früher mechanisch realisierte Technologiefunktionen über applikationsspezifische und austauschbare Software ab. Neben der Motorregelung und Parametrierung sind das die Technologieebene mit der Abbildung von Prozessaufgaben wie Synchronlauf, Achsbewegungen und Positionieren und eine Stufe höher SPS- und CNC-Funktionen. Der horizontale Daten- und Informationsaustausch dieser neuen Generation von Feld- und Automatisierungsgeräten untereinander erfolgt über schnelle und leistungsfähige Feldbussysteme. Bisherige hierarchische Strukturen werden verschoben oder gar aufgehoben. Parallel zu dieser Entwicklung hat sich auch das Anforderungsprofil an die beteiligten Unternehmen rapide verändert. Produkt- und Innovationszyklen werden immer kürzer, die Einbindung der Produkte in Systeme und Anlagen immer komplexer und damit die Anforderungen an das Personal immer höher. Der Kunde verlangt heute Lösungen und erwartet, dass sich die Produkte unterschiedlicher Lieferanten problemlos und zukunftssicher in ein Automatisierungssystem einfügen lassen. Er erwartet aber auch zunehmend Unterstützung bei der Sicherstellung der Verfügbarkeit seiner Anlagen. Der Kostendruck zwingt den Kunden, nur gelegentlich beanspruchte Dienstleistungen zu verlagern, das heißt unter Beibehaltung einer technischen Grundkompetenz Wartungs- und Instandhaltungsaufgaben gezielt nach außen zu vergeben. Es wäre auch unbezahlbar, eigene Kompetenzen für alle Dienstleistungsarbeiten vorzuhalten. Diese Aufgabe müssen zunehmend seine Produkt- und Anlagenlieferanten übernehmen. Nur sie sind in der Lage, die Vielfalt der intelligenten Komponenten und Teilsysteme einer Produktionsanlage sowie deren Weiterentwicklung zu beherrschen. Der Zulieferer muss seinen Kunden also zunehmend während des gesamten Lebenszyklus seiner Produkte zur Verfügung stehen. Dieser gerade in den letzten Jahren sehr stark zunehmenden Nachfrage nach Dienstleistungen rund um Automatisierungslösungen stand ein nicht klar definiertes und vielfach unvollständiges Dienstleitungsangebot gegenüber, das den heutigen Marktanforderungen nicht mehr gerecht wurde. Das veranlasste die Mitgliedsfirmen im Fachverband Automation des ZVEI vor etwa dreieinhalb Jahren, eine Dienstleistungsinitiative zu starten. Der Kern der Dienstleistungsini-tiative ist eine Klassifizierung der Dienstleistungsmodule. Je nach Komplexität des Produkts, des Systems oder der Anlage werden die einzelnen Module in sieben Klassen eingeordnet. Klasse 0 beginnt mit den gesetzlich notwendigen oder nach allgemeingültiger Auffassung selbstverständlichen Leistungen, die in der Regel kostenfrei beigestellt werden. Am oberen Ende stehen die Klassen 5 und 6 für das anlagenbezogene Geschäft. Dazwischen liegt in den Klassen 1 bis 4 das weite Feld der Dienstleistungen für die ganze Palette der Produkte und Systeme der Automatisierungstechnik. Die Initiative verfolgt das Ziel, dem Kunden schon vor Vertragsabschluss ein individuelles und optionales Dienstleistungsangebot zu machen. Das sorgt für Transparenz bei den Life-Cycle-Kosten und vermeidet Streit und Enttäuschung nach der Auftragsvergabe. Der Kunde weiß also frühzeitig, welche Dienstleistungen im Gesamtpreis enthalten sind und welche nicht. Bestimmte Dienstleistungen wie Wartung oder Updates fallen ohnehin erst später an. Auch hier hat der Kunde aber Vorteile dadurch, dass er schon vorher weiß, was das kostet. Er kann auch vereinbaren, wie lange der Lieferant für dieses Produkt technische Kompetenz vorhält und er kann sich absichern, dass der Lieferant über die entsprechende Kompetenz verfügt. Der Kunde erhält aus diesem Katalog ein firmenindividuelles und auf das jeweilige Geschäft zugeschnittenes Dienstleistungsangebot. Er kann sich im Auftragsfall sicher sein, dass die entsprechende Kompetenz für die vereinbarten Leistungen für einen vereinbarten Zeitraum vorgehalten wird. Bis heute haben sich 45 Mitgliedfirmen des Fachverbands Automation der Initiative angeschlossen, darunter nahezu alle namhaften Automatisierer. Die ZVEI-Broschüre „Services in Automation“ kann kostenlos unter der Fax +49/69/6303-279 angefordert oder von der Internetseite www.zvei.org/automation heruntergeladen werden. Die Arbeit im ZVEI konnte erfolgreich auf europäischer Ebene fortgesetzt werden. Die Dienstleistungsstruktur, die Klasseneinteilung und die Beschreibung der Dienstleistungsmodule wurden im Kern von den Ländern Deutschland, England und Frankreich entwickelt. Die frühzeitige Zusammenarbeit erleichterte die Harmonisierung wesentlich. Belgien, Holland, Italien und die Schweiz wollen sie ebenfalls übernehmen. Das Ergebnis, ein europäisch abgestimmter Leitfaden in englischer Sprache sowie nationale Umsetzungslösungen, sind im Internet unter www.automation-services.de öffentlich zugänglich eingestellt.

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