Viele Strukturen sowohl bei Anwendern als auch bei Lieferanten haben sich in der jüngsten Vergangenheit gravierend verändert. Während bei vielen Anwendern Ressourcen abgebaut wurden und werden, sind die Lieferanten bemüht, entsprechende Kompensation durch Aufbau von zusätzlichen Ressourcen zu gewährleisten. Outsourcing ist sicher ein Schlagwort der heutigen Zeit. Umstrukturierungen bei den Anwendern müssen zwangsläufig zu sich ändernden Abläufen führen, und zwar nicht erst beim Betreiben einer Anlage, sondern bereits in frühen Planungsphasen von Projekten. Während in der Vergangenheit und zum größten Teil auch noch heute bei jedem Projekt für die unterschiedlichen Automatisierungskomponenten wie zum Beispiel Ventile, Feldinstrumente, Analysegeräte und auch Prozessleitsysteme Anfragen an viele Lieferanten geschickt werden, spricht man mehr und mehr vom Main Automation Vendor-Konzept. Dahinter verbirgt sich das Ziel, so viel wie möglich aus einer Hand zu beschaffen und so wenig wie möglich Schnittstellen zu erzeugen. Dieses Konzept bedarf aber auch einer grundlegenden Änderung der Anwender/Lieferanten-Beziehung, will man die durchaus daraus resultierenden Vorteile auch nutzen. Bei der herkömmlich praktizierten Vorgehensweise, möglichst viele Angebote zu erhalten und zu vergleichen, müssen Spezifikationen zwangsläufig auf ein gemeinsames Ganzes reduziert werden, um jedem potenziellen Anbieter die Möglichkeit zu eröffnen, sein Angebot abzugeben. Die in der Praxis nicht zu vernachlässigenden Vorteile einzelner Anwender werden bei dieser Methode nicht ausreichend berücksichtigt. Die Anbieter können auf ihre Vorteile eigentlich nur in Form von Alternativen oder Optionen aufmerksam machen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Angeboten wird in der Regel daher meist nur Fit for Purpose. Das ist in der heutigen Situation aber möglicherweise nicht der adäquate Weg, Projekte zu realisieren. Vermeintliche Soft-Facts können für den langen Betrieb einer Produktionsanlage enorme finanzielle Auswirkungen haben, Sparpotenziale bleiben unter Umständen ungenutzt. Auch technische Weiterentwicklungen ändern die gewohnten Vorgehensweisen. So muss der Anwender zum Beispiel bei Einsatz von Feldbustechnologien bereits zum Zeitpunkt der Entscheidung für ein Prozessleitsystem auch bei der Instrumentierung Entscheidungen fällen, während das ansonsten meist Monate später erforderlich war. Neue Konzepte wie das angesprochene Main Automation Vendor-Konzept erleichtern die Anpassung an die oben beschriebenen strukturellen Veränderungen einerseits, bieten aber darüber hinaus auch noch zusätzliche Vorteile. Einige davon sind: Spezifikationen können Möglichkeiten von Lieferanten und deren Technologien von Anfang an nutzen und auch verfahrenstechnisch berücksichtigen; die Verantwortung wird auf wenige Lieferanten oder besser Partner verteilt, Schnittstellen werden auf ein Minimum reduziert; gravierende Kosteneinsparungen bei der Beschaffung können erzielt werden, da nicht mehr viele Angebote verglichen werden müssen, die ohnehin naturgemäß nur im Bereich Fit for Purpose vergleichbar sind; Vertriebskosten können eingespart werden; den Nutzen davon haben sowohl Anwender als auch Lieferanten. Verbesserung der Performance einer Produktionsanlage können möglicherweise von Lieferanten garantiert werden; sie können vom eingesparten Kapital finanziert werden. Natürlich erfordert eine solche, aus meiner Sicht wünschenswerte Vorgehensweise, deren Anfänge wir derzeit erleben, eine neue Qualität der Kommunikation zwischen Anwendern und deren Partnern auf der Lieferantenseite. Eine Garantie, ein Produkt günstiger herzustellen, kann der Lieferant eben nur geben, wenn ihm die derzeitigen Produktionskosten bekannt sind. Hier ist sicher noch ein Umdenken erforderlich, aber sehr lohnenswert. Beide, die Anwender und die Lieferanten würden davon pro- fitieren - eine klassische Win-Win-Situation. * V. Wehres
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