Erschienen in: D&V April 2001, S. 62
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Aktionen gegen den Ingenieurmangel

Kooperative Ingenieur-Ausbildung in der Praxis

Während 1993 noch fast 5000 Ingenieur-Absolventen von technischen Hochschulen und Universitäten in das Berufsleben drängten, wird die Zahl in den nächsten zwei Jahren auf unter 2000 sinken. Universitäten wie Fachhochschulen sind in einigen Fakultäten z.T. nur zu 30 Prozent ausgelastet. Großunternehmen und Konzerne reagieren bereits mit kostspieligen Personalmarketingmaßnahmen und Headhunting-Boni. Durch diese Maßnahmen sowie ihren hohen Bekanntheitsgrad haben sie gegenüber mittelständischen Unternehmen bessere Chancen, Ingenieur-Absolventen zu akquirieren.
Die Green Card soll helfen, den Mangel an IT-Fachkräften und Ingenieuren in der deutschen Industrie zu reduzieren. Dabei zeichnet sich jedoch nur ein geringer Erfolg ab.

Kooperative Ingenieur-Ausbildung – Lehre und Studium parallel
‚Not macht erfinderisch‘, gemäß dieses Sprichworts hat Phoenix Contact ein System entwickelt, Ingenieure in Kooperation mit der Fachhochschule Lippe auszubilden. Das westfälische Unternehmen gehört mit 5000 Mitarbeitern weltweit zu den Marktführern der elektrotechnischen und elektronischen Verbindungstechnik und benötigt ständig hochqualifizierte Nachwuchskräfte. Ende 1998 wurde erstmalig die Kooperative Ingenieur-Ausbildung (KIA) konzipiert. Diese strategische Personalentwicklungsmaßnahme soll frühzeitig dazu beitragen, den weiter steigenden Ingenieurmangel zu kompensieren. Schulabsolventen, primär Abiturienten, nehmen im Unternehmen eine Facharbeiterausbildung wahr und werden parallel dazu als Diplom-Ingenieure an der Fachhochschule qualifiziert.
Neben dem Aspekt, den eigenen Ingenieurnachwuchs und damit die Zukunft des Unternehmens zu sichern, gibt es weitere Vorteile: Mit der Kooperativen Ingenieur-Ausbildung geht eine Kostenreduktion für das Unternehmen einher, da ein umfangreiches Einarbeitungsprogramm, wie es für klassische Ingenieurabsolventen üblich ist, entfällt. Die KIA-Absolventen können nach dem Diplom-Abschluss sofort eingesetzt werden. Das Unternehmen kennt Stärken, Schwächen sowie Neigungen der Kandidaten und kann sie optimal integrieren. Zudem wird die Unternehmenskultur frühzeitig vermittelt, was ebenfalls der schnellen Integration dient.
Deutsche Ingenieure werden dadurch im EU-Vergleich des Absolventenalters wieder konkurrenzfähig: Dieses liegt im Durchschnitt der EU bei 25 Jahren, in Deutschland dagegen bei 29 Jahren. Die KIA-Absolventen sind in der Regel erst ca. 25 Jahre alt und können damit dem internationalen Vergleich standhalten.
Ein weiterer Vorteil dieser Qualifizierungsmaßnahme liegt in dem ständigen Wissens- und Technologie-Transfer zwischen Unternehmen und Hochschule. Davon profitieren beide Seiten: Die Hochschule kann z.B. ihre zu gering ausgelasteten Kapazitäten im Ingenieurbereich besser ausnutzen und gegebenenfalls sogar ausbauen.
Auch die angehenden Ingenieure und Facharbeiter haben Vorteile. Sie werden schneller und praxisorientierter ausgebildet. Sie besitzen gute Karrierechancen und erhalten eine Arbeitsplatzzusicherung nach erfolgreicher Absolvierung. Darüber hinaus beziehen sie von Phoenix Contact eine Ausbildungsvergütung bis Studiumsende. Dadurch müssen sie nicht parallel jobben, um ihr Studium zu finanzieren, was häufig bei Studenten üblich ist und oftmals die Studiendauer erhöht.

Die Ausbildung in der Praxis – Erste Erfahrungen
Bei Phoenix Contact werden seit 1999 Kooperative Ingenieure ausgebildet. Derzeit absolvieren elf junge Leute drei verschiedene Facharbeiterausbildungen, kombiniert mit entsprechenden Studiengängen: Sieben Auszubildende erlernen den Beruf des Kommunikationselektronikers, Fachrichtung Informationstechnik, und studieren parallel Elektrotechnik, Fachrichtung Automatisierung an der Fachhochschule Lippe in Lemgo. Die Ausbildung zum Mechatroniker haben zwei Kandidaten begonnen, ergänzt durch das Studium Mechatronik. Für den Studiengang Produktionstechnik, gekoppelt mit dem Ausbildungsberuf Industriemechaniker, Fachrichtung Maschinen- und Systemtechnik, haben sich ebenfalls zwei Personen entschieden.
Im Juni 1999 starteten erstmals zwei Mitarbeiter ihre kooperative Ingenieur-Ausbildung bei Phoenix Contact. Anfangs wurden fachliche Grundlagen vermittelt, die für praktische Tätigkeiten wichtig sind. Während des 1. Semesters im Winter 1999 lernten die Studenten vier Tage der Woche an der Fachhochschule und wurden einen Tag im Unternehmen ausgebildet. Die im ersten Semester behandelten Inhalte waren Grundlagen der Elektrotechnik, Physik, Datenverarbeitung sowie Mathematik. Insbesondere mathematische und physikalische Zusammenhänge bilden die Basis für das weitere Studium.
Da die Fachhochschule Lippe ihre Studienpläne der betreffenden Fachbereiche auf dieses Konzept ausgerichtet hat, wird die Ausbildung im jeweiligen Beruf zudem während der vorlesungsfreien Zeit vermittelt. Die FH übernimmt als dualer Partner des Ausbildungsberufs komplett die Vermittlung der theoretischen Inhalte. Mehr als 80 Prozent der theoretischen Ausbildungsinhalte, die im klassischen Fall die Berufsschule unterrichtet, werden von den Lehrinhalten der FH abgedeckt. Das erzeugt starke Synergieeffekte. Nach drei Semestern Grundstudium werden die Studierenden ein Praxissemester bei Phoenix Contact absolvieren. Einsatzgebiete sind vor allem Fachabteilungen, in denen die zukünftigen Ingenieure in Projekte eingebunden sind. Die Abschlußprüfung für den jeweiligen Ausbildungsberuf findet nach ca. 32 Monaten vor der Industrie- und Handelskammer statt. Dadurch wird eine fundierte Ausbildung dokumentiert.
Die Abteilungen, die während des Hauptstudiums durchlaufen werden, sind vor allem diejenigen, die einen möglichen Einsatzbereich nach Ausbildungsende darstellen. Die Studierenden erhalten so einen umfassenden Überblick über das Unternehmen und erkennen ihre eigenen Schwerpunkte. Auf der anderen Seite haben die Fachabteilungen die Möglichkeit, bereits während der Ausbildung ihre zukünftigen Mitarbeiter kennenzulernen und einzuarbeiten.
Ein wichtiger Bestandteil der Kooperativen Ingenieur-Ausbildung ist die Förderung von globalem Handeln; deshalb werden die Absolventen temporär in einer ausländischen Tochtergesellschaft eingesetzt.
Die Studierenden wachsen während ihrer Ausbildung in die Unternehmenskultur hinein und identifizieren sich frühzeitig mit den Unternehmenszielen. Dabei lernt auch der zukünftige Vorgesetzte potentielle Mitarbeiter rechtzeitig kennen. Selbstverständlich muss ein ständiger Abgleich der zu vermittelnden Inhalte zwischen den Ausbildungspartnern stattfinden. Um bei Defiziten frühzeitig eingreifen zu können, wird regelmäßig ein Notenspiegel der Studierenden ermittelt. Zum Abschluss des Studiums wird die Diplomarbeit im Unternehmen verfasst. Nach vier Jahren haben die fertig ausgebildeten Ingenieure eine praktische Ausbildung inklusive Facharbeiterbrief in der Tasche sowie ihr zukünftiges Arbeitsfeld bereits kennengelernt. Das Unternehmen seinerseits kann die ‚neuen‘ Mitarbeiter gezielt einsetzen. Eine Win-win-Situation par exellence.

Fazit

Nach einem Jahr Erfahrung kann Phoenix Contact eine positive Zwischenbilanz ziehen: Die Personalentwicklungsmaßnahme der Kooperativen Ingenieur-Ausbildung ist erfolgreich installiert. Im Frühjahr 2000 haben die beiden Erstkandidaten – mit den Auszubildenden des 2. Lehrjahrs – nach nur zehn Monaten Ausbildungszeit die theoretische und praktische Zwischenprüfung erfolgreich absolviert. Im Juni 2000 wurden bereits neun weitere Kandidaten eingestellt, auch für das kommende Jahr ist eine gleiche Anzahl an Ausbildungsplätzen vorgesehen. Alle Unternehmen, die Nachwuchskräfte brauchen, kann man nur ermutigen, ebenfalls diesen Weg zu gehen, um die eigene Zukunft durch hochqualifizierte Mitarbeiter zu sichern.

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