Für Asien-Urlauber ist der Besuch einschlägiger Märkte mit dem Erwerb preiswerter Uhren- oder Handtaschen-Imitate schon selbstverständlich geworden. Und über die originalgetreue Kopie von mehr als 20 Apple-Stores in China kann man vielleicht auch noch schmunzeln. Aber während bei den Accessoires lediglich ein wirtschaftlicher Schaden entsteht, wird es in anderen Bereichen im wahrsten Sinne des Wortes kritisch: Wenn nämlich durch gefälschte Elektronik-Bauteile die Sicherheit gefährdet wird. Aufgrund ihrer hohen Innovationskraft ist die Elektronikindustrie besonders anfällig für Produktpiraterie. Und hohe Umsätze wecken natürlich auch Begehrlichkeiten. In Deutschland entfallen beispielsweise etwa ein Drittel aller Patente auf die Elektronikindustrie. Und die Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen jedes Jahr im zweistelligen Milliardenbereiche. Da von dieser Forschung letztlich die Wettbewerbs- und damit irgendwann die Überlebensfähigkeit von Unternehmen abhängt, gilt es, dieses geistige Eigentum besonders zu schützen. Auch wenn Produktpiraterie sicher nichts Neues ist, trägt doch die zunehmende Globalisierung ihren Teil dazu bei. Die Distribution von Fälschung ist sicher in den letzten Jahren deutlich einfacher geworden. Dabei gibt es zwei Hauptquellen für die Imitate: Zum einen hat die Verlagerung von Produktion aus Nordamerika und Europa nach Asien dazu geführt, dass Produktpiraterie hier deutlich zugenommen hat. Zum anderen führen der nach wie vor stattfindende Export von Elektronik-Schrott nach Afrika dazu, dass ausgebaute Teile von dort ihren Weg zurück nach Europa finden. Dabei kann es sich um unterschiedlichste Arten von Fälschungen handeln: Aus Afrika kommen die ausgelöteten und optisch auf Neu getrimmten Bauteile. Daneben gibt es falsch ausgezeichnete Bauteile, die nur einen Bruchteil der Funktionen bieten, die sie eigentlich bieten sollten. Und schließlich werden Bauteile bekannter Hersteller schlicht und einfach nachgebaut und sind optisch vom Original kaum zu unterscheiden. In letzterem Fall ist es in der Regel auch am schwersten, die Fälschung zu erkennen.
Bis zu 5 Prozent Umsatzverlust
Gefühlt kommt die große Menge gefälschter Produkte aus Asien – ein Eindruck, der auch von verschiedenen Unternehmen bestätigt wird. „Semikron ist von Produktpiraterie vor allem bei Commodity-Produkten mit Standardtechnologie betroffen“, erklärt Thomas Grasshoff, Head of Product Management bei Semikron International. „Gefälschte oder umetikettierte Produkte sind zum Teil in Asien – vor allem China – in Umlauf und werden über Distribution nach Europa und Amerika gebracht.“ Ein anderer großer Leistungshalbleiter-Hersteller ist ebenfalls von der Problematik betroffen. „Wir hatten schon mehrfach Probleme mit Produktpiraterie im Bereich der IGBT-Module (A-, NF- und H-Serie) und zwar in großem Umfang und selbst auch bei den HV-IBGTs. Das Logo und Produktschild wurde ebenfalls gefälscht“, so Robert Wiatr, Leiter Produktmarketing für Leistungshalbleiter und TFT-LCD-Module bei Mitsubishi Electric. „Im Bereich der IPMs gab es noch keine Produktpiraterie, da die Leiterplatte sehr schwer kopierbar ist, vor allem die darauf enthaltenen HV-ICs.“ Und auch bei Infineon ist man mit der Fälschungs-Problematik vertraut. „Hierbei entsteht nicht nur ein finanzieller und ein Image-Schaden für die betroffenen Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft. Gefälschte oder manipulierte elektronische Bauteile können darüber hinaus auch die Sicherheit kritischer Infrastrukturen oder die Gesundheit der Bauteile-Nutzer gefährden“, beschreibt Martin Robel, Manager Security & Investigations bei Infineon Technologies, die Situation. „Marktexperten schätzen einen Umsatzverlust in Höhe von 1,5 bis 5 Prozent für die internationale Halbleiterindustrie durch Produkt- und Markenpiraterie“, führt er weiter aus. Dies deckt sich auch mit unseren Erfahrungswerten. In Zeiten der Allokation häufen sich die aufgedeckten Fälle von Produktfälschungen. Die Fälscher nutzen dabei die hohe Nachfrage und knappe Verfügbarkeit bestimmter Bauteilen zum Schaden von Herstellern und Kunden aus.“
„Marktexperten schätzen einen Umsatzver- lust in Höhe von 1,5 bis 5 Prozent für die internationale Halbleiterindustrie durch Produkt- und Markenpiraterie“
Aber es sind nicht nur die Halbleiter, auch passive Bauelemente erfreuen sich bei den Produktpiraten großer Beliebheit. „Wir finden im asiatischen Markt immer wieder einmal Kopien unserer Bauteile, deren Quellen wir nicht kennen“, so Alexander Gerfer, Leiter internationales Produktmanagement bei Würth Elektronik. „Der Verkauf dieser Bauteile geschieht über nicht autorisierte Händler, die gerne damit werben, dass sie Sonderposten erworben oder Rückkäufe von Kunden getätigt hätten.“ Nur selten, dafür dann recht drastisch, taucht das Problem beim Schweizer Steckverbinder- und EMV-Spezialisten Schurter auf. „In meiner beruflichen Praxis wurde ich bisher mit drei Fällen von Produktpiraterie konfrontiert“, erklärt Hansrudolf Schurter, Chairman & CEO der Schurter Group. „Im ersten Fall, bei welchem ein Lieferant ein gefälschtes Halbleiterbauteil lieferte, ging es um mehrere Hunderttausend Franken. Im zweiten Fall wurde ein von uns entwickeltes Bauteil nachgebaut“, führt er weiter aus. „Dort ging es um knapp hunderttausend Franken. Dem Fälscher kamen wir erst auf die Schliche, als unser Kunde, der das vermeintliche Schurter-Bauteil über einen Distributor bezogen hatte, bei uns einen Qualitätsmangel geltend machte.“
Fast alles ist interessant
Abgesehen haben es die Raubkopierer vor allem auf Massenprodukte. „Generell sind alle Produkte betroffen, die im Markt gängig sind – also hohen Mengen und Margen versprechen. Kein Produkt ist davor sicher“, so Alexander Gerfer. „Anfällig sind Standardprodukte mit Bodenplatte wie Semitrans oder Semipack oder auch Schraubdioden und -Thyristoren. Die Gehäuse werden auch in Asien hergestellt und damit ist ein Bezug recht einfach“, beschreibt Thomas Grasshoff die Problematik aus Sicht von Semikron. „Das häufigste Problem sind aber umetikettierte Produkte. Die alte Produktbezeichnung wird abgeschliffen und dann ein höher geratetes Produkt erzeugt.“ Robert Wiatr erklärt: „Anfällig sind die IGBT-Module, vor allem Chips und Gehäuse“. „Unempfindlich dagegen sind die IPMs sowie das ‚New Mega Power Module‘, da die Treiber und andere Bauteile wie die HV-ICs und Protection ICs dort verbaut sind und der Aufwand einer Kopie sehr hoch ist. Gerade die HV-ICs sind sehr schwer herstellbar.“
„Das häufigste Problem sind umetikettierte Produkte. Die alte Produktbezeichnung wird abgeschliffen und dann ein höher geratetes Produkt erzeugt.“
„Grundsätzlich können alle Produkte oder Produktgruppen betroffen sein“, mahnt Martin Robel. „Wir beobachten, dass vor allem begrenzt lieferbare Produkte plagiatsgefährdet sind, da hier der wirtschaftliche Anreiz besonders hoch ist. Bei diesen Produkten sensibilisieren wir unsere Kunden, ganz besonders aufmerksam zu sein.“ Etwas anders schätzt Hansrudolf Schurter die Situation ein: „Ich höre immer wieder, dass Konsumgüter höher gefährdet seien als Güter, die von Profis verwendet werden. Wir alle kennen die plakativen Fälle von gefälschten Markenkleidern, -uhren oder -staubsaugern. In unserer Branche lässt sich aus meiner Sicht noch kein Trend ausmachen.“ Es stellt sich natürlich die Frage, was die Hersteller präventiv gegen die illegalen Fälschungen tun können. „Es gibt keine Musterlösung, um Produktpiraterie generell zu verhindern. Aber wir haben wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen, um das Problem einzudämmen“, erklärt Martin Robel. „Im Jahr 2007 hat Infineon ein Anti-Counterfeit-Programm ins Leben gerufen. Dies umfasst interne und externe Maßnahmen, die an den drei Hauptregeln im Kampf gegen die Produktpiraterie ausgerichtet sind: Vorbeugen – Detektieren – Reagieren.“ Weiter führt er aus: „Für die internen Maßnahmen arbeiten bei Infineon Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammen: Qualitätsmanagement, Supply Chain, Vertrieb, Distributions-Management, Kunden-Support, Rechts- und Patent-Abteilung. Darüber hinaus haben alle Mitarbeiter von Infineon weltweit über das Intranet Zugriff auf detaillierte Informationen über den Umgang mit potenziellen Produktfälschungen und in jeder Region gibt es speziell ausgebildete Ansprechpartner. Extern arbeiten wir intensiv mit den internationalen Zollbehörden zusammen, für die wir regelmäßig Informationsveranstaltungen durchführen. Infineon ist aktiv in der Anti-Counterfeiting Task Force der ESIA (European Semiconductor Industry Assoziation) sowie deren regionalen Partnern SIA in den USA und den asiatischen Partnern, wie zum Beispiel in China, Taiwan, Japan und Korea. „„Bei unserern Bauteilen können wir präventiv leider nicht viel unternehmen, da Kataloge und Datenblätter relativ einfach zu erhalten sind“, so Hansrudolf Schurter. „Die Fälscher gehen äußerst dreist vor und kopieren gar Logo und Farbgebung. Die Materialien, die sie verwenden, sind in den meisten Fällen minderwertig. Bei Metallteilen wird häufig bei der Galvanisierung ‚gespart‘. Dieser Mangel wird aber nur erkannt, wenn die verwendeten Schichtdicken nachgemessen werden.“
„Die Fälscher gehen äußerst dreist vor und kopieren gar Logo und Farbgebung Die Materialien, die sie verwenden, sind in den meisten Fällen minderwertig.“
„Produktpiraterie wird konsequent auch in China verfolgt und Semikron versucht, die technologischen Hürden entsprechend hoch zu setzen“, erklärt Thomas Grasshoff. „Dadurch ist der Aufwand zu groß, Produkte zu fälschen.“ Alexander Gerfer die Vorgehensweise von Würth Elektronik beschreibt so: „Wir versuchen, so viel wie möglich über Patente abzusichern“. „In Asien selbst sind wir mit einem hochmodernen Qualitätslabor präsent, in dem wir, angefangen bei den verwendeten Rohstoffen bis hin zum Fertigprodukt, die Lieferkette material- und fertigungstechnisch zu überwachen. Im Zweifelsfall werden wir auch gegen Kopien und Produktpiraten rechtlich vorgehen.“ Auch Mitsubishi Electric lässt Produkte in Asien prüfen. „Die gefälschten Produkte werden zur Überprüfung nach Japan geschickt und das Ergebnis sowie Details zu den Vorfällen an die Kunden, Distributoren und an unsere Sales-Kollegen kommuniziert“, erklärt Robert Wiatr. „Alle werden zur Vorsicht aufgerufen, die Kunden werden vom Vertrieb bewusst darauf angesprochen und davor gewarnt, gefälschte Ware aus anderen Quellen zu kaufen. Auch auf allen Websites im Bereich Semiconductor ist ein deutlicher Warnhinweis vor gefälschten Produkten.“ Weiter führt er aus: „Kundenspezifische Module werden mit speziellen Date Codes versehen, um Plagiaten vorzubeugen. Weiterhin werden alle Date Codes der als gefälscht gemeldeten Produkte überprüft. Ansonsten kann von der Entwicklung her nicht sehr viel mehr getan werden, um Produktpiraterie einzudämmen.“ Auch Infineon Technologies setzt laut Martin Robel auf Kunden-Kommunikation und -Aufklärung. „In persönlichen Gesprächen und auf einer speziellen Internetseite erläutern wir, wie Kunden sich vor gefälschten oder nachgemachten Bauteilen schützen können. Wir erklären, dass die Herstellungsprozesse und die Lagerung dieser nachgemachten Produkte nicht den strengen Qualitäts- und Zuverlässigkeitsstandards von Infineon entsprechen, ebenso wenig deren Verpackung und Versand. Ebenso weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass Infineon keine Garantie für Produkte übernehmen kann, die nicht über autorisierte Verkaufswege beschafft worden sind.“ Problematisch wird es natürlich vor allem dann, wenn ein Kunde gefälschte Produkte erworben hat, Mängel feststellt und sich dann beim vermeintlichen Hersteller beschwert. „Oft reklamieren die Kunden solche Produkte bei uns. Dann erfolgt bei Semikron eine Analyse und wir weisen den Kunden auf die gefälschten Produkte hin“, beschreibt Thomas Grasshoff seine Erfahrungen. „Der überprüft dann seine Lieferantenkette und zieht die entsprechenden Konsequenzen.“
„Leider sehen unsere Produkte oft äußerlich gleich aus, die Feinheiten und Unterschiede sind allesamt materialtechnischer Natur und eben nicht mit bloßem Auge zu erkennen.“
Bei Mitsubishi Electric ist die Überprüfung recht einfach: „Für Kunden wird anhand von Date Codes von unserer Fabrik überprüft, ob die Module von uns produziert werden“, erklärt Robert Wiatr. Weniger einfach ist das bei Würth Elektronik: „Leider sehen unsere Produkte vielfach äußerlich gleich aus, die Feinheiten und Unterschiede sind allesamt materialtechnischer Natur und eben nicht mit bloßem Auge zu erkennen“, so Alexander Gerfer. „Erster Ansprechpartner für Kunden ist das Infineon-Call-Center, das rund um die Uhr unter einer zentralen Telefon-Hotline weltweit erreichbar ist“, beschreibt Martin Robel die Vorgehensweise bei Infineon. „Natürlich kann sich der Kunde auch an den für ihn zuständigen Vertriebsansprechpartner oder Distributionspartner wenden, wenn ein Verdacht aufkommt. Die Zentralabteilung ‚Business Continuity – Central Security‘ koordiniert dann gemeinsam mit dem Kunden und dem Vertriebsansprechpartner oder Distributionspartner die entsprechenden Maßnahmen.“ „Die Kunden wissen ja nicht immer, dass es sich um gefälschte Produkte handelt. Darum machen wir sie auch in höflicher Art und Weise auf diesen Umstand aufmerksam“, erläutert Hansrudolf Schurter das Vorgehen in seinem Unternehmen. „Je nach Reaktion kann es aber schon vorkommen, dass wir dann mit einer Strafanzeige drohen müssen. Die möglichen Folgen einer Strafanzeige sind den Kunden in der Regel bekannt.“
Keine Panikkäufe
Gerade bei Lieferengpässen, wie sie vor allem 2010 und Anfang 2011 festzustellen waren, denkt der eine oder andere Einkäufer vielleicht auch über alternative Quellen nach. Wenn die Gefahr besteht, nicht produzieren und liefern zu können, mögen viele Mittel recht sein. Es stellt sich nur die Frage, ob es sich lohnt, für einen kurzfristigen Erfolg den Ruf eines Unternehmens aufs Spiel zu setzen. Schwarzmarktkäufe machen sich also in den seltensten Fällen bezahlt. Wer stattdessen seine Lieferbeziehungen langfristig aufbaut und pflegt, kann darauf auch in schlechten (Liefer-)zeiten zurückgreifen – und muss sich und seine Kunden nicht der Gefahr gefälschter Bauteile aussetzen.
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