„Obsolescent heißt wörtlich übersetzt veraltet und unter Obsolescence ist im Elektronik-Markt die Nichtverfügbarkeit von Produkten zu verstehen, die beispielsweise aufgrund abgekündigter Bauelemente oder aufgekündigter Softwareunterstützung eingetreten ist.“ Diese Definition von „Obsolescence“ findet sich auf der Homepage der Component Obsolescence Group Deutschland e.V. (COG-D) – eine Vereinigung, die im Frühjahr 2004 in Deutschland ins Leben gerufen wurde und sich der Suche nach einer effektiven Lösung der Thematik obsolenter Bauteile verschrieben hat. Leitbild hierfür war die bereits 1997 in Großbritannien gegründete COG, die derzeit 160 Mitglieder hat, darunter Bauteile-Hersteller und -Distribu- toren, After-Market-Lieferanten, Lieferanten von Obsolescence-Management-Tools, Regierungs- und Industrieorganisationen sowie OEMs aus wichtigen Industriebereichen. Zum Stand Januar 2010 haben sich 64 Unternehmen branchenübergreifend in der deutschen Interessengemeinschaft mit Sitz in Radevormwald zusammengeschlossen. Kündigt ein Originalhersteller Bauteile ab – meist, weil er aufgrund des heutzutage herrschenden Innovationsdrucks neue Modelle entwickelt hat; aber auch Änderungen in der Normung oder legislative Veränderungen (z. B. die RoHS-Richtlinie) sind mögliche Gründe – kann dies bei seinen Kunden große Schäden verursachen; insbesondere, wenn diese hochwertige Konsumartikel oder langlebige Wirtschaftsgüter mit Lebenszyklen von zehn bis teilweise über 15 Jahren produzieren. So können neben Qualitätsproblemen auch noch Kosten für aufwändige Re-Designs entstehen, nicht selten in Höhe von mehreren Millionen. Hinzu kommt, dass Letzteres sehr viel Zeit verschlingt, die dann bei der Entwicklung neuer Produkte fehlt. Um die Folgen, die die Abkündigung von Bauteilen mit sich bringt, zu minimieren oder sogar ganz abzuwehren, empfiehlt es sich für Unternehmen, ein durchdachtes, pro-aktives Obsolescence-Management zu betreiben. Soll es wirksam sein, gilt es, sämtliche Prozesse zu berücksichtigen, die ein Produkt während seiner Lebenszeit durchläuft: Angefangen vom ersten Marketingansatz über Design und Produktion bis hin zu dem Zeitpunkt, wenn es aus dem Markt genommen wird. Für solch ein Management bietet die COG-D Unterstützung: Zum Beispiel, indem sie Weiterbildungen zum Thema organisiert, Prozesse zur Behandlung und Milderung der Effekte von Obsoleszenzen identifiziert und entwickelt sowie für einen Erfahrungsaustausch zwischen ihren Mitgliedern sorgt.
Langjährige Erfahrung im Obsolescence-Bereich
Dieser Austausch mit Experten sowie die Möglichkeit, zu einem besseren Verständis des Obsolescence-Geschäftes zu gelangen, waren zum Beispiel für die ED-V Gesellschaft für Elektronik + Design ausschlaggebende Gründe, 2007 Mitglied bei der COG-D zu werden. Der Spezialdistributor aus Mainaschaff konzentriert sich stark auf das Thema Obsolescence: „Wir sind seit über zehn Jahren in diesem Bereich tätig, und er stellt eine tragende Säule unseres Geschäftes dar: Das Obsolescence-Management und die daraus kreierten Produkte und Dienstleistungen machen circa 20 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus“, so Geschäftsführer Wolfgang Zang. Der Service, den sein Unternehmen hinsichtlich Obsolescence-Management anbietet, setzt schon bei der Produktentwicklung ein: „Hier unterstützen wir den Kunden beim Design. Wir überprüfen die Lebensdauer, die das vom Kunden einzusetzende Teil haben könnte, und wir prüfen, ob es eine Second Source gibt bzw. einen Hersteller, der bereit ist, hier als Second Source zu agieren. Zudem halten wir Ausschau, ob es eine Möglichkeit gibt, einen Ersatz für den jeweiligen Baustein zu entwickeln, wenn der Originaltyp einmal abgekündigt werden sollte.“ Darüber hinaus unterstützt ED-V seine Kunden auch beim Last Time Buy (LTB), bei der End-of-Life-Bevorratung und Die-Banking oder auch beim Redesign, Cloning oder Second Sourcing, wenn ein Baustein vor der Abkündigung steht, d. h. wenn der LTB vom Hersteller angekündigt worden ist. Auf die Frage, woher die von ihm gelieferten Bauteile stammen, erfährt man, dass der Distributor seine Ersatz-ICs für abgekündigte Halbleiterkomponenten von den Herstellern Innovasic Semiconductor und Tekmos bezieht. „Innovasic konzentriert sich auf die MCUs und MPUs von Intel, AMD sowie Freescale Semiconductor und fertigt zusätzlich Ersatz-ICs mit CAN-Bus. Tekmos konzentriert sich auf die MCUs von NXP“, führt Wolfgang Zang aus.
Lizenzvereinbarung mit Freescale Semiconductor
Ein anderes Unternehmen, das sich schon sehr lange mit dem Thema Obsolescence beschäftigt – und zwar bereits seit einem Vierteljahrhundert –, ist e2v, ein Hersteller spezialisierter Halbleiterbausteine. Damals wurde die Niederlassung in Grenoble gegründet, um Halbleiter für die Luftfahrt-Industrie zu fertigen. „Zu unseren Kernaufgaben gehörte von Anfang an die Unterstützung von kritischen Produkten über einen sehr langen Zeitraum. 2008 hat e2v dann mit dem US-amerikanischen Halbleiterhersteller QP Semiconductor eine wichtige strategische Akquisition getätigt. Dieser Bereich, der nun als e2v Aerospace & Defence firmiert, fokussiert sich seit über 20 Jahren auf die Fertigung und das Re-Engineering von obsoleten ICs“, erklärt Andy Bennett, Group Communications Manager bei e2v. Das Unternehmen arbeitet hinsichtlich abgekündigter Bauteile mit einer Reihe von Herstellern zusammen. Dazu zählt laut Bennett auch das Unternehmen Freescale Semiconductor, mit dem e2v kürzlich ein Abkommen geschlossen hat: „Das Abkommen mit Freescale ermöglicht uns die Weiterführung seiner 68K-Prozessoren. Dazu wird e2v Wafer und Dies lagern, um die Prozessoren auch nach dem Produktionsstopp von Freescale entsprechend der ermittelten Kundenanforderungen weiter liefern zu können.“ Sobald Freescale die Produktion der 68020-, 68882- und 68C000-Chips einstellt, wird e2v diese Produkte noch mindestens weitere zehn Jahre fertigen; insgesamt räumt die Lizenzvereinbarung Fertigungsrechte für die nächsten 25 Jahre ein. Nach Aussage von Bennett wird es diese Weiterproduktion der Freescale-68k-Produkte e2v ermöglichen, sein Geschäft mit abgekün- digten Produkten in der nächsten Zeit weiter zu steigern. Danach gefragt, welche Branchen die Ersatz-ICs in der Regel einsetzen, zählt Andy Bennett die Luft- und Raumfahrt sowie die Kraftwerks- und Ölindustrie auf – also „im Wesentlichen alle Industriezweige, bei denen der Bestand elektronischer Ausrüstung über einen längeren Zeitraum gewährleistet sein muss.“ Wolfgang Zang von ED-V ergänzt noch die Medizin- und Bahntechnik sowie Firmen in der Industriautomation. Aber auch Unternehmen aus der Sicherheitstechnik und der Telekommunikation sowie aus dem Automotivebereich zählten zu den Abnehmern.
Obsolescence-Management gewinnt an Bedeutung
Was die Zukunft des Obsolescence-Managements betrifft, sind sich Andy Bennett und Wolfgang Zang einig: Das Thema wird weiter an Bedeutung gewinnen, „da die Lebenszykluszeiten der Bauelemente immer kürzer werden und Investitionsgüter immer längere Laufzeiten haben“, meint Zang und fügt noch hinzu: „Außerdem wird der Markt, geprägt durch die Erfahrungen der letzten Jahre, immer sensibler für dieses Thema, sodass es eine stetig wachsende Zahl von Firmen gibt, die mittlerweile das Obsolescence-Management bei ihren Entwicklungen mit einfließen lassen und dadurch der Bedarf an Beratung und Dienstleistungen weiterhin ansteigen wird.“ Diesem wachsenden Wunsch nach kompetenter Unterstützung im Falle drohender Obsoleszenzen trägt e2v mit seinem Lifecycle-Management-Programm Rechnung, „mit dem wir für unsere Kunden einen echten Mehrwert schaffen“, so Andy Bennett.
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