(Bild: Ulysses - Web-Tourismus)
Erschienen in: E&E September 2008, S. 13
Markt  |  

Großverdiener im Netz

Bald 15 Mrd. Euro Umsatz scheffelt Tourismusindustrie mit E-Commerce

Trotz einiger widriger Umstände, beispielsweise den hohen Energie- und Treibstoffkosten, boomt der Tourismus besonders hier zu Lande ungebrochen weiter. Nach wie vor bewährt sich die Reisebranche als Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft. Der gesamtwirtschaftliche Produktionswert der Tourismusindustrie in Deutschland beläuft sich auf mehr als 185 Mrd. Euro pro Jahr; die Experten gehen von einer Wertschöpfung von 94 Mrd. Euro aus. Bald ein Fünftel des Gesamtumsatzes kommt über das Internet. * (rack)

Weltweit steht die Tourismusbranche vor nicht mehr aufzuhaltenden, tief einschneidenden technologischen Veränderungen. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien wie das Internet, Online-Dienste und CD-ROMs beeinflussen das Verbraucher- und Reiseverhalten entscheidend und lösen weitreichende Strukturveränderungen in der Tourismusbranche aus.

* Ulysses - Web-Tourismus

* Bildquellenhinweis

Am heimischen PC, am interaktiven TV-Bildschirm und per Chipkarten-Telefon besteht für den mündigen Kunden die Möglichkeit, Reiseinformationen und -dokumente rund um die Uhr abzurufen, wann immer er dazu Lust und Laune hat. Die ständig sinkenden Preise im Bereich der Telekommunikation und der Computertechnik unterstützen diesen Trend weiter, also können und werden immer mehr Bevölkerungsteile ihre Reiseplanung über das Internet abwickeln. Der digitale Kundenservice wird für alle Anbieter innerhalb der Tourismusbranche zunehmend zum zentralen Erfolgsfaktor. Die entscheidenden Voraussetzungen für effiziente Vertriebsstrukturen sind daher die Einführung und der Einsatz von Reservierungs- und Online-Distributionssystemen. Die Folgen sind messbar: 2007 verzeichnete der Online-Tourismus einen Boom, das Internet war der wesentliche Impulsgeber der Tourismuswirtschaft. Das Wachstum ist fast ausnahmslos auf das Internet-Geschäft zurückzuführen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die deutsche Tourismus-Branche 14,81 Mrd. Euro Umsatz allein über das Internet. Die Gesamtbranche erzielte im gleichen Zeitraum 43,38 Mrd. Euro. Die erwirtschafteten Online-Umsätze wuchsen gegenüber 2006 um 15 Prozent. Damit schwächte sich das Wachstum zwar ab, wird aber auch in den kommenden Jahren voraussichtlich noch zweistellig bleiben. Im Jahr 2011 soll die Reisebranche fast die Hälfte ihres Umsatzes online erzielen, prognostiziert der Chef des Münchner Marktforschungsinstituts Ulysses Web-Tourismus, Dominik Rossmann. Nahezu 97 Prozent aller Reiseunternehmen bieten ihren Kunden mittlerweile Online-Buchungen an. Internetbuchungen von Last-Minute-Reisen liegen seit dem Vorjahr vor denen der Reisebüros. Der Trend zum Urlaub in letzter Minute – darunter verstehen die Experten den Reiseantritt innerhalb von 14 Tagen – hält trotz stark beworbener attraktiver Angebote für Frühbucher sowie reduzierter Flug- und Hotelkapazitäten weiterhin an; die Zahl der Last-Minute-Reisen stieg im Vergleich zu 2006 um rund 39 Prozent; 19,6 Mio. Deutsche buchten 2007 „last minute“, und 2008 sollen es bereits rund 25 Mio. sein. Somit präsentierte sich die Tourismuswirtschaft auch 2007 als extrem dynamischer Wirtschaftszweig und als Großverdiener im Netz. Im Endkonsumentenbereich (B2C) kommt der Tourismus auf etwa ein Viertel des gesamten deutschen E-Commerce. Angetrieben wurde die gute Entwicklung vor allem durch den Verkauf von Transportleistungen im Internet (Billigflieger). Zudem machte sich der große Trend des „Dynamic Packaging“ (individuelle Zusammenstellungen) über alle Tourismus-Branchen bemerkbar. Die Reiseveranstalter, und hier besonders die „zweite Garde“, also die Veranstalter auf Rang 11 bis 20, verzeichneten Umsatzsteigerungen bis zu 86 Prozent. Beim Internet-Reiseangebot gelten die Bewertungsportale für Hotels als etabliert und als Inbegriff für das Web 2.0. Seit ein, zwei Jahren sind Reise-Communities unterschiedlichster Couleur hinzugekommen. Und der aktuelle Trend sind Reise- oder Hotelvideos, mit denen Online-Portale und Reisebüros zur besseren Vermarktung Tausende von Urlaubervideos auf ihren Websites präsentieren. Das bedeutet das Ende des herkömmlichen Tourismustexters, der Missstände als Feature verkaufte („extrem verkehrsgünstige Lage“ für ein Hotel im Autobahnverteilerkreis). In den USA gelten personalisierte Reiseführer als letzter Schrei, die sich der Reisewillige – mit höchster Aktualität – nach Eingabe seiner Wünsche und Vorstellungen entweder als PDF-Datei herunterladen oder zusenden lassen kann, einschließlich Veranstaltungen und Wettervorhersage. Aber auch die absehbaren demographischen Veränderungen werden unmittelbare Folgen für die Tourismuswirtschaft haben. Im Jahr 2035 wird fast die Hälfte der Deutschen über 50 Jahre alt sein. Die „neuen Alten“, euphemistisch auch Best Agers genannt, sind konsumfreudiger und aktiver als frühere Vertreter dieser Generation – eine Entwicklung, die für touristische Dienstleistungen neben Chancen durchaus auch Unwägbarkeiten birgt. Bereits jetzt ist die Reisetätigkeit der über 60-jähirgen Deutschen seit 1972 um mehr als 80 Prozent gestiegen. „Die Alten haben Kaufkraft, Zeit und Interessen, sie sind reiseerfahren und anspruchsvoll – eine attraktive Zielgruppe für das Tourismus-Marketing.“ Der Deutsche Reise-Verband hat ermittelt, dass bereits rund 15 Prozent aller Reisen der Deutschen von über 64-Jährigen unternommen werden, davon mehr als die Hälfte im eigenen Land. Höchst umstritten dürften wohl Bestrebungen bleiben, die Bewegungsmuster von Touristen anhand von Roamingdaten ihres Mobiltelefons (Mobile Positioning) zur Tourismusplanung auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu nutzen, wie das beispielsweise Estland bereits im Jahre 2004 getan hat (das wäre hier zu Lande aufgrund gesetzlicher Bestimmungen zum Datenschutz nahezu unmöglich). Die Daten des „gläsernen Touristen“ lassen sich nach Herkunftsland, Saison und Wetter aufgliedern. Ähnlich können auch Besucherströme von Großveranstaltungen in Echtzeit gemessen werden, um künftig öffentliche Verkehrsmittel und Ordnungskräfte bedarfsgerecht abzustimmen. Dennoch werden die Deutschen auf lange Sicht wohl kaum Tourismusweltmeister bleiben. Nach Einschätzung der Welttourismusorganisation (UNWTO) wird China im kommenden Jahrzehnt zum größten Tourismusland der Welt aufsteigen. Im Jahr 2020 werden voraussichtlich 100Mio. Chinesen ins Ausland reisen – doch wird gewiss auch Deutschland von der asiatischen Reiselust profitieren.

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