A&D: Großformat für die Produktion – was genau steckt hinter dem Widescreen-Ansatz von Siemens?
Heinz Eisenbeiss: Die Display-Technik im 16:9-Format wird innovationsseitig stark aus dem Consumer-Bereich getrieben. Weil die Industrie an dieser Stelle nicht hinterherlaufen will, sind wir früh in das Segment eingestiegen und können die steigende Erwartungshaltung gut abdecken. Mit Displays, die auf die rauen Umgebungsbedingungen der Industrie und eine entsprechende Betriebsdauer, oft 24 Stunden rund um die Uhr, ausgelegt sind. Um an dieser Stelle eine hohe Durchgängigkeit zu bieten, setzen wir bei unserem gesamten Panel-Portfolio auf ein einheitliches Frontenkonzept. Hier haben wir uns auf das Widescreen-Format festgelegt und über ein breites Größenspektrum im kompletten Simatic-Portfolio eingeführt, egal ob Operator-Panel, Monitor, Thin Client oder Panel-PC.Ursprünglich wurde der 16:9-Trend stark durch Film- und Kinoformate geprägt. Welche Vorteile sehen Sie für den Industrieeinsatz?
Wir sehen auch in der Industrie eine deutliche Tendenz zu größeren Bildschirmdiagonalen und mehr Fläche. Heute will der Anwender eine Anzeige per Touch direkt am Bildschirm bedienen. Dabei darf es nicht zu eng werden. Bei gleicher Höhe bieten Widescreen-Displays, im Vergleich mit dem 4:3-Format, bis zu 40Prozent mehr Fläche. Das ermöglicht es unseren Kunden, die oft historisch gewachsenen HMI-Applikationen einfach um neue Funktionen oder neue Navigationselemente zu erweitern.
Wie kommen die breiten Bildschirme bei den Kunden an?
Der Trend ist eindeutig, aber unsere Kunden ändern ihre Maschinen natürlich nicht von heute auf morgen. In den jetzigen Entwicklungsphasen für die nächste Maschinengeneration sind die Stückzahlen also noch überschaubar. Aber sobald diese Maschinen in Serie gehen, rechne ich mit exponentiell steigenden Verkaufszahlen. Widescreen ist die Ablöse und wird sukzessive alle klassischen Geräte ersetzen. Entsprechend gestaltet sich auch unser Portfolio: Wir führen das klassische 4:3-Format gemäß unserem Verfügbarkeitsanspruch weiterhin im Programm, entwickeln es aber nicht weiter.
Wie sieht es beim Thema Multitouch aus?
Auf Messen versuchen regelmäßig Besucher auf den breiten und brillanten Displays mit zwei Fingern zu zoomen oder ähnliche Gesten, die sie vom eigenen Smartphone oder Tablet-PC kennen. Aber so einfach geht es in der Automatisierung nicht und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis Multitouch hier in der Breite einsatzfähig ist. Denn ein einfacher Multitouch-Mechanismus auf dem Bildschirm reicht unseres Erachtens nicht aus. Wir wollen dem Maschinenbauer ein Differenzierungsmerkmal und echten Mehrwert bieten und verheiraten die Funktionalität direkt mit der HMI-Applikation und der dahinter liegenden Software. Eine Konzeptstudie auf dieser Basis haben wir auf der diesjährigen Hannover Messe vorgestellt.
Wie geht es weiter?
Als nächstes führen wir Pilotanwendungen in der Anlage beim Kunden durch. Dabei betrachten wir alle Einflüsse und Faktoren in Kombination, um jegliche Möglichkeit der Fehlbedienung, zum Beispiel durch nichtleitende Handschuhe, durch Flüssigkeitsspritzer oder Verunreinigungen, auszuschließen. Dafür muss man die Hardware und Software zusammen in einer echten rauen Industrieumgebung testen.
Inwieweit macht es Sinn, bisherige Bedienphilosophien aus dem Consumer-Bereich auf die Industrie zu adaptieren?
Einige Elemente eignen sich. Die bereits angesprochene Zoom-Funktion kann ich mir zum Beispiel gut für die Detailanzeige einer Messwertkurve vorstellen. Auch eine Wischfunktion zur Navigation oder das Drehen eines 3D-Modells mit zwei Fingern klingen interessant. Es warten aber auch ganz neue Anforderungen in der Produktion, wie Zweihandbedienung ohne zusätzlichen Sicherheitsschalter. Zudem geht es oft um dynamische Bildschirminhalte, die ständig aktualisiert werden. Dabei darf es nicht zu Verzögerungen kommen oder ruckeln. Deshalb haben wir in vielen Gesprächen, wie jüngst in Hannover, die Prioritäten und Anforderungen der Anwender eingeholt und verschiedene Usecases besprochen, um das Feedback von Anfang an in die Entwicklung mit einzubeziehen.
Großen Mehrwert verspricht Siemens auch mit seiner neuen Engineering-Umgebung TIA-Portal. Wie weit beeinflusst dieser Ansatz das Simatic-Portfolio bereits in der Praxis?
Bereits in der Pilotphase haben wir die Vorteile von TIA-Portal auf einer Tour rund um den Globus vorgestellt. Die Kunden haben das Potenzial in Bezug auf die Simatic-Familie und die Antriebstechnik von Siemens schnell erkannt – schließlich lasen sich bis zu 25 Prozent des Projektierungsaufwands und mehr einsparen. Heute ist TIA-Portal schon viel im Einsatz, noch vorwiegend bei Kunden, die ein neues Maschinenkonzept realisieren. Aber die neue Software etabliert sich mittlerweile auch bei Bestandskunden, die auf Migration abzielen und jetzt auf TIA-Portal umstellen.
Auch nach Jahrzehnten finden sich noch vielerorts S5- und S7-Steuerungen im Einsatz? Kann PC-based Automation in Sachen Langzeitverfügbarkeit da überhaupt mithalten?
Steuerungen, die über Jahrzehnte funktionieren und verfügbar sind – darin liegt ein wichtiges Erfolgskriterium von Simatic. Der Image-Faktor weckt aber kundenseitig auch hohe Ansprüche. Um an dieser Stelle auf keinen Fall auf das Niveau der Consumer-Elektronik zu sinken, bauen wir alle Geräte selber, auch die Motherboards entwickeln und fertigen wir selbst. So halten wir die Langzeitverfügbarkeits-Fahne auch bei PC-basierten Steuerungen hoch und bieten Ersatzteile – wenn auch nicht über Jahrzehnte – noch fünf Jahre nach der Abkündigung eines Produkts an.
Welche Herausforderungen sehen Sie in Sachen Security auf die IPC-Technik zukommen?
Wir nehmen dieses Thema sehr ernst und arbeiten in puncto Firewalls, Passwortschutz oder Verschlüsselung intensiv an neuen Konzepten und Produkten. Als Anbieter können wir verschiedene Sicherheitsmechanismen anbieten, aber das ist bestenfalls die halbe Miete. Die andere Hälfte muss im Bewusstsein des Anwenders und seiner Mitarbeiter stattfinden. Die große Gefahr liegt in unbeabsichtigten Manipulationen, in unvorsichtigen Änderungen, im ungesicherten Anschluss eines Laptops oder USB-Sticks. So wird der Weg für Viren oder Schad-Software bereitet – nicht mit Absicht, sondern durch Leichtsinn. Der Präzedenzfall Stuxnet war hier ein heilsamer Schock. Der Virus hat in der Breite keinen Schaden angerichtet, aber große Aufmerksamkeit erzeugt und den Anwender sensibilisiert.☐
