Ein 15 Kilometer langes Rohrleitungssystem versorgt alle Kraftwerksbereiche mit Löschwasser
Erschienen in: S&I-Kompendium 2010, S. 104
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Individuelle Konzepte schützen besser

Maßgeschneidertes Brandschutzkonzept fürs Steinkohlekraftwerk

Der Stromerzeuger RWE baut eines der modernsten Steinkohlekraftwerke der Welt. Ein maßgeschneidertes Schutzkonzept – für jeden der gefährdeten Kraftwerksbereiche die bestmögliche Lösung – sichert das rund zwei Milliarden Euro teure Bauvorhaben vor Brandgefahren. * Text: Andreas Teckenburg, Arnd Knop Fotos: Minimax, RWE

In Deutschland gibt es derzeit 1240 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 140000 Megawatt. Weil der nationale Strombedarf weiter wächst, werden in den nächsten Jahren die Kapazitäten ausgebaut. Bis 2020 wird ein Bauvolumen von etwa 400000 Megawatt erwartet. RWE erweitert in Hamm den Standort Westfalen. Die Kraftwerksblöcke D und E, die Mitte 2011 und Anfang 2012 mit einer Gesamtleistung von rund 1600 Megawatt in Betrieb gehen und jährlich Strom für 3,2 Millionen Haushalte erzeugen, gehören weltweit zu den modernsten Anlagen ihrer Art. Der elektrische Wirkungsgrad erreicht 46 Prozent. Die beiden Blöcke werden gegenüber dem bisherigen Durchschnitt deutscher steinkohlegefeuerter Kraftwerke eine um rund 20 Prozent geringere CO2-Emission aufweisen. Möglich macht dies eine fortschrittliche Kraftwerkstechnik, die zum Beispiel besonders hohe Dampftemperaturen und -drücke erlaubt. Allerdings geht diese Technik mit erheblichen Brandrisiken einher. Wird ein ausbrechender Brand nicht unverzüglich erkannt und gelöscht, drohen Schäden in Millionenhöhe. Ebenso können Fehlauslösungen und Fehldetektionen von Löschanlagen zum Kraftwerksstillstand führen. Ein adäquates Brandschutzkonzept ist notwendig. Für einen Komplettschutz sind verschiedene Typen von Löschanlagen zu kombinieren. Je mehr davon aus einer Hand stammen, desto besser sind im Allgemeinen die Komponenten aufeinander abgestimmt.

station maximat FSX LWT
Das Kraftwerk Westfalen, eines der modernsten Steinkohlekraftwerke der Welt
Effizientes Löschen mit Sprühwasserlöschanlagen: Große Wassermengen werden kurzfristig freigesetzt

Löschwasser und Hydranten

Das Herzstück jeder Löschwasserversorgung in einem Werk ist eine individuell ausgelegte Feuerlöschpumpen-Anlage mit Löschwasser-Reservoir und Zubehör. Im Kraftwerk Westfalen wird das Löschwasser vom Kühlturm entnommen. Drei vertikale Unterwasserpumpen befördern 10750 Liter pro Minute bei einem Druck von sieben bar. Das Werksgelände ist mit einem unterirdischen Rohrnetz durchzogen, das von der Löschwasser-Versorgung gespeist wird und die nachfolgenden Wasser-Löschanlagen ebenso versorgt wie die Innenhydranten und die außerhalb der Gebäude aufgestellten Hydranten. In Hamm führt die erdverlegte Ringleitung um das gesamte Kraftwerk herum und wird von drei Haupt-Feuerlöschpumpen gespeist. Von der Ringleitung gehen Stichleitungen zu den einzelnen Gebäuden ab. Um hohe Bereiche, wie die 100 Meter hohen Treppentürme des Kesselhauses, über diese Rohrleitungen zu versorgen, bedarf es einer anspruchsvollen Technik: Gestaffelte Druckerhöhungs-Anlagen werden installiert. Bis zu fünf hintereinander geschaltete mehrstufige, vertikale Kreiselpumpen sorgen für den nötigen Druck, das Löschwasser zu fördern. Um Druckspitzen zu vermeiden, steuert in jeder Druckerhöhungs-Anlage ein Frequenzumformer je eine Pumpe. In Risikobereichen, in denen mit einer schnellen Brandausbreitung zu rechnen ist, beugen Sprühwasser-Löschanlagen einem gefährlichen Brand vor. In den neuen Kraftwerksblöcken schützt die Sprühwasser-Löschtechnik die Turbinen und die Transformatoren, ebenso werden Kabelschächte, -räume und -kanäle geschützt.

Sprinkler- versus Sprühwasserlöschanlagen

Im Gegensatz zu Sprinkleranlagen sind Sprühwasser-Löschanlagen mit offenen Löschdüsen ausgestattet und werden über Brandmelder automatisch ausgelöst. Registrieren diese einen Brand, sprüht sofort Wasser aus allen Düsen des Löschbereichs. Kurzfristig werden so große Wassermengen freigesetzt, die sich großflächig über die gesamte Schutzfläche verteilen. Das Sprühlöschen vergrößert die Löschwasser-Oberfläche, bindet die Verbrennungswärme und kühlt das Brandgut. Zum Kühleffekt kommt ein Stickeffekt; der entstehende Wasserdampf behindert die Sauerstoffzufuhr zum Brandherd. Die Förderbänder der Bekohlungseinrichtungen werden durch ein Minifog-Niederdrucksystem geschützt: Die speziell für diesen Anwendungsfall entwickelte und DMT-zugelassene Wasserschleieranlage trennt die einzelnen Brandbereiche voneinander ab. Sie verhindert somit eine Ausbreitung des Feuers und zeichnet sich durch ihren geringen Wasserbedarf aus. Insgesamt sind im Kraftwerk Westfalen zum Schutz der gefährdeten Gebäudebereiche und Objekte 15 Kilometer Haupt- und Verteilerrohrleitung und ein 6,5 Kilometer langes Düsenrohrnetz mit 3200 offenen Löschdüsen installiert. Im Bereitschaftszustand reicht das Löschwasser bis zu den 86 Fernschalt-Ventilstationen der Löschbereiche. Sobald die Branderkennung in einem Schutzbereich ein Feuer detektiert, wird die entsprechende Ventilstation angesteuert und geöffnet. Um die Löschtechnik zu komplettieren, stehen über das Werksgelände verteilt Feuerlöscher und Wandhydranten bereit. Mit ihnen lassen sich kleinere Brände bereits löschen, wenn sie entstehen. Es gilt, das dem Risiko entsprechende Löschgerät vor Ort zu haben: So stehen zum Beispiel in Elektrik-Räumen Feuerlöscher mit Kohlendioxid bereit. Insgesamt sind im Kraftwerk 700 Pulver- und 500 CO2-Löscher für den ersten Löscheingriff zur Hand. Insgesamt sind 430 Hydranten in den Gebäuden verteilt. Eine wichtige Systemkomponente ist die speziell für die Wandhydranten entwickelte Füll- und Entleerungsstation maximat FSX LWT. Beim Einsatz dieses Löschwassersystems nass-trocken ist die Löschwasserleitung trocken. Die aus dem Trinkwassernetz gespeiste Löschwassermenge reicht vom Volumen nicht aus, um das Löschwassernetz in 60 Sekunden mit Wasser zu füllen. Das Füllvolumen wird in einem Vorlagebehälter bevorratet. Wird das Schlauch-Anschlussventil eines Wandhydranten betätigt, kommt die Füll- und Entleerungsstation mit der Druckerhöhungs-Anlage zum Einsatz: Nach maximal 60 Sekunden ist an jedem Wandhydranten Löschwasser in ausreichender Menge und mit ausreichendem Druck verfügbar. Wird kein Löschwasser mehr benötigt – signalisiert durch das Schließen des Anschlussventils – entleert sich die Löschwasserleitung über die Füll- und Entleerungsstation.

Ein maßgeschneidertes Konzept sorgt für Schutz

Um Brandrisiken einzudämmen und Betriebsunterbrechungen vorzubeugen, sind maßgeschneiderte Brandschutzkonzepte von großer Bedeutung. Je mehr davon von einem Anbieter kommen, desto weniger Schnittstellen gibt es und desto besser greifen Installation und Betrieb ineinander. Doch alle Sicherheitstechnik funktioniert letztlich nur so gut wie der Faktor Mensch, auf den es im Brandfall ankommt: Nur kompetent geschultes Personal sowie regelmäßig durchgeführte Wartungen und Übungen stellen sicher, dass es im Brandfall nicht brenzlig wird.

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